Anleitung für Whistleblower

Das richtige Medium finden

Die meisten Tippgeber wenden sich an große, bekannte Medien: ARD, ZDF, RTL, BILD, SPIEGEL und STERN. Das sind aber in der Regel genau die falschen Ansprechpartner für Whistleblower. Denn die genannten Redaktionen werden mit Tipps zu allen möglichen tatsächlichen und vermeintlichen Skandalen überschüttet.

Den meisten dieser Hinweise können die Redaktionen schon aus Zeitgründen nicht nachgehen. Viele Tipps sind ohnehin wertlos. Sie kommen von Menschen die sich wichtig machen wollen, einsam sind, die Medien mit erfundenen Geschichten zum Narren halten wollen oder über die Medien Rache an Dritten verüben möchten. Daneben gibt es auch viele Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder weil sie sich von Behörden oder der Psychiatrie verfolgt wähnen, an die Medien gehen. Natürlich gibt es Fälle von Behörden- oder Psychatrieversagen vereinzelt tatsächlich. Der bekannteste Fall ist wohl der von Gustl Mollath. Aber die meisten Hinweise in dieser Richtung sind unseriös. Das wissen auch Journalisten.

Wer es tatsächlich schafft, einen Redakteur eines namhaften Mediums ans Telefon zu bekommen und ihm in seinen Fall in krassen Farben schildert, wird daher meist nur Skepsis erleben und oft nach kurzer Zeit freundlich aber bestimmt abgewimmelt.

Prüfen Sie daher zuerst, wen Ihre Thema überhaupt interessieren könnte. Ärger mit Ihrem Bürgermeister oder ein lokaler Bestechungsskandal wird 99 Prozent aller Leser oder Zuschauer eines bundesweiten Mediums nicht interessieren. Wenden Sie sich mit einer lokalen Geschichte an lokale Medien. Wenn sich diese nicht für ihren Fall interessieren oder Sie dort Befangenheit vermuten, weil der Bürgermeister ein Freund des Herausgebers ist oder die betroffene Firma ein guter Werbekunde der Lokalzeitung, dann gehen Sie auf regionale Medien oder das Regionalfernsehen oder -radio zu. Geht es um einen Branchenskandal, suchen Sie Medien, die über ihre Branche schreiben.

Im Zweifel gehen Sie zuerst auf kleinere Medien zu. Sollte Ihre Geschichte wirklich von bundesweitem Interesse sein, wird sie ihren Weg in die großen Medien finden.

Welche Informationen benötigen die Medien von Ihnen?

Versetzen Sie sich in die Rolle eines Journalisten. Berufsethos und Standesrecht verlangen von ihm, dass er jede brisante Information sorgfältig prüft und abwägt. Anders als Privatpersonen oder die meisten Blogger kann ein Journalist für sich nicht das sogenannte Laienprivileg in Anspruch nehmen. Journalistisches Berufsethos verlangt von ihm, dass er wichtige Informationen durch mindestens eine weitere unabhängige Quelle gegenprüft. Es gibt zwar immer mehr Journalisten, die sich darum nicht kümmern, aber die seriösen Vertreter des Berufsstandes halten sich weiter an diese Regel.

Achten Sie also darauf, dass Sie einem Journalisten Ihre Informationen immer so zur Verfügung stellen, dass er sie erstens nachvollziehen und zweitens gegenrecherchieren kann. Fassen Sie dabei Inhalte zusammen: Kein Journalist möchte 200 Seiten Klageschrift lesen. Und benennen Sie Zeugen für Ihre Darstellung, zum Beispiel weitere Mitarbeiter, die illegale Machenschaften Ihres Arbeitgebers bestätigen. Stellen Sie klar heraus, worin der Skandal liegt. Eine subjektiv empfundene Kränkung ist kein öffentlicher Skandal. Ein Unternehmen, das heimlich Giftmüll verklappt, hingegen schon.

Beachten Sie außerdem: Wenn Sie anonym an die Medien herantreten, haben Ihre Informationen weniger Gewicht. Viele Journalisten entsorgen anonyme Tipps direkt oder prüfen sie nur ganz kurz, weil darunter der Anteil der Spaß- oder Unsinns-Hinweise besonders hoch ist.

Warum sollte ein Journalist Ihnen vertrauen, wenn Sie umgekehrt nicht darauf vertrauen, dass er Ihre Identität schützt? Warum soll er das Risiko eingehen, einem Fälscher aufzusitzen, was ihn seinen Job kosten kann? Um dieses hohe Risiko einzugehen, müssten Ihre Hinweise schon sehr gut und stichhaltig sein. Oder Sie müssten sehr gute Gründe nennen, warum Sie anonym bleiben möchten. Die meisten anonymen Tipps werden deshalb nicht weiter verfolgt! Falls Sie trotzdem anonyme Tipps geben wollen, lesen Sie bitte hier weiter.

So bereiten Sie Ihre Geschichte auf

Zuerst einmal: Verzichten Sie darauf, Ihre Geschichte aufzubauschen. Dafür haben Journalisten ein gutes Gespür. Wenn Sie Streit mit einem Behördenmitarbeiter haben, dann hilft es nicht, wenn Sie deswegen Anzeige gegen Amtsleiter, Bürgermeister und Landrat erstatten und ihm von einer großen Verschwörung berichten oder Prozessakten sammeln. Im Gegenteil: Sie machen damit schnell deutlich, dass Sie nur ein unglaubwürdiger Streithansel sind. Verzichten Sie auch darauf, jedes persönliche Ärgernis zu einem politischen Skandal hochzustilisieren.

Besonders „beliebt“ bei einschlägigen Wichtigtuern ist beispielsweise die Anzeige wegen Verstoß gegen §241a des Strafgesetzbuches. Ein Journalist spürt in der Regel recht schnell, dass an solchen Geschichten nichts dran ist. Besser ist es, Sie schildern Ihren Fall sachlich, kurz und nüchtern. Übergeben Sie den Medien erst einmal eine kleine Materialauswahl um ihre Geschichte einordnen zu können.

Als Erstes liefern Sie beispielsweise:

  • Kurze Schilderung des Skandals (max. 1 DINA A4-Seite, besser weniger)
  • Kurzer Abriss der Ereignisse (max. 1 DINA4-Seite)
  • Liste mit Zeugen (je mehr, desto besser)

Achten Sie auch auf die äußere Form: Langatmige handschriftlich verfasste Briefe, Emails ohne Punkt, Komma und Groß- und Kleinschreibung oder mit zahlreichen Anhängen möchte und kann kein Journalist lesen.

Eine Mahnung zum Schluss: Machen Sie sich vorher Gedanken, was Sie mit der Veröffentlichung erreichen möchten. Geht es Ihnen wirklich darum, einen Skandal aufzudecken oder wollen Sie es nur jemandem heimzahlen? Im zweiten Fall wird Ihre Geschichte für die Medien weniger interessant und auch eine mögliche Berichterstattung wird Ihnen in der Regel wenig nutzen. Die Freude über den Bericht währt meist nur kurz, der Ärger über das damit zerschlagene Porzellan ist am Ende oft größer.

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