Wie man Misstrauen durch Schweigen institutionalisiert – das Roswell-Phänomen

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Es war der 14. Juni 1947, als der Rancher William Brazel im US-Bundesstaat New Mexico Trümmerteile eines unbekannten Flugobjektes auf seiner Farm fand. Als Brazel einige Wochen später Gerüchte über unbekannte Flugobjekte hörte, erinnerte er sich an seinen Fund und informierte hierüber den örtlichen Sheriff. Der wiederum meldete die Entdeckung an die örtliche Air-Force-Basis weiter. Zwei Vertreter der Air Force sammelten daraufhin die Fundstücke ein, sandten sie zur weiteren Analyse an ein Testlabor und informierten die lokale Presse, die hierüber berichtete:

Zahlreiche US-Medien griffen den Bericht noch am selben Tag auf und die Geschichte von der Fliegenden Untertasse aus Roswell machte die Runde. Daraufhin lud die Air Force zu einer Pressekonferenz, auf der ein hochrangiger Militär glaubhaft erklärte, dass es sich bei den Trümmerteilen um die Reste eines Wetterballons für Windmessungen in großer Höhe gehandelt habe. Der Roswell Daily Record schrieb daraufhin: „General Ramey entleert die Roswell Untertasse“. Damit versiegte das Medieninteresse an der vermeintlichen UFO-Geschichte und das Ereignis geriet bald wieder in Vergessenheit. Damit könnte die Roswell-Geschichte an dieser Stelle enden.

Doch 30 Jahre später griffen Ufologen die Ereignisse von Roswell auf. Sie befragten Zeitzeugen, stellten Mutmaßungen an und zogen Verbindungen zu anderen UFO-Sichtungen her. 1980 erschien Charles Berlitz‘ („Das Bermudadreieck“) Buch: „Der Roswell-Zwischenfall“, das schon bald zum Bestseller wurde. In den 50er-Jahren hatte es unzählige Berichte über Aliens und UFOs gegeben. Zahlreiche Kinofilme hatten das Sentiment aufgegriffen und mit einer allgemeinen Alien-Angst Kasse gemacht. So fielen die Erinnerungen der Zeitzeugen deutlich bunter und dramatischer aus als sie es noch 1947 gewesen waren. Die UFO-Geschichte um Roswell wurde ergänzt um Berichte über weitere abgestürzte UFOs und tote Aliens, die angeblich vom Militär in Särgen abtransportiert und dann in geheimen Air-Force-Labors seziert worden seien sollten.

Rund 25 Jahre lang diskutierte die Ufologen-Szene Verschwörungstheorien über Verbindungen zwischen dem US-Militär und außerirdischen Lebensformen. Das Luftwaffenübungsgelände Nellis in Nevada wurde unter dem Namen Area 51 zum Synonym für die militärische Geheimhaltung außerirdischer Technologien. Auch Filmmaterial angeblicher Alien-Obduktionen tauchte bald auf. Die US-Regierung selbst schwieg eisern zu den Ereignissen von Roswell.

Erst 1994 beendete die Air Force die Geheimhaltung und legte auf Betreiben eines Regionalpolitikers einen Roswell-Untersuchungsbericht vor. Dabei kam heraus, dass die angeblichen Wetterballons Teil des in den 50er-Jahren hochgeheimen Forschungsprojektes Mogul gewesen waren. Ihre Aufgabe war es gewesen, Schockwellen von Raketen zu messen, die die Schallmauer durchbrechen konnten. Mit ihrer Hilfe sollten Sensoren entwickelt werden, die das Zünden sowjetischer Atombomben detektieren konnten. Auch für die Sichtung angeblicher Alien-Leichen fand sich eine schlüssige Erklärung: Über den Wüsten von New Mexico und Nevada hatte die Air Force zahlreiche Crash-Test-Dummys mit Fallschirmen abgeworfen um Rettungssysteme für Militärflugzeuge zu testen. Abgestürzte Dummys waren regelmäßig in sargähnlichen Holzboxen abtransportiert worden. Anwohner hatten dies gesehen und, da Dummys zu dieser Zeit in der Bevölkerung noch unbekannt waren, die Verbindung zu Alien-Leichen hergestellt. So fanden die Ereignisse von Roswell eine schlüssige und wenig spektakuläre Erklärung.

Doch in den 25 Jahren, in denen die Air Froce geschwiegen hatte, hatten die Alien-Phantasien ein Eigenleben entwickelt. Unzählige Dokumentationen, Zeitungsberichte, Blogs und Kinofilme hatten Teile der US-Bevölkerung dauerhaft misstrauisch gegenüber der eigenen Regierung gemacht. Noch im März 2013 glaubten 21 Prozent aller US-Amerikaner, dass das Militär einen UFO-Absturz bei Roswell verheimliche. Dieses von der Regierung selbstgeschaffene Misstrauen ist das eigentliche Roswell-Phänomen.

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Welche Lehren zieht gute Unternehmenskommunikation aus dem Roswell-Phänomen?

  1. Spektakuläre Ereignisse lassen sich nicht durch Schweigen ungeschehen machen. Interessante Geheimnisse wecken immer das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit. Gibt es keine Informationen aus erster Hand, werden die Informationslücken mit mehr oder weniger plausiblen Spekulationen gefüllt.
  2. Gute Öffentlichkeitsarbeit bestätigt nicht nur ein Ereignis (zum Beispiel einen Unfall auf Ihrem Unternehmensgelände), sie liefert darüber hinaus weitere Informationen. Durch diese Offenheit schafft sie Vertrauen und Glaubwürdigkeit.
  3. Gute Unternehmenskommunikation beantwortet Fragen schlüssig und umfassend ohne neue Fragen aufzuwerfen.
  4. Öffentlichkeitsarbeit ist immer kontextbezogen. Ein Unternehmen etwa der Lebensmittel-, Energie- oder Finanzbranche muss immer auch die Außenwahrnehmung seiner Branche berücksichtigen und mit den Vorstellungen und auch Vorurteilen umgehen, die die Öffentlichkeit ihm entgegen bringt.
  5. Lassen Sie sich Ihre Aussagen gegenüber den Medien durch externe Akteure mit anerkannt hoher Kompetenz bestätigen (angesehene Forschungsinstitute und Verbände, Vertreter der Rettungskräfte bei einem Unfall, zuständige Bundesbehörden).

Wer die Lehren aus Roswell in einer Unternehmens- oder Kommunikationskrise missachtet, beschädigt dauerhaft sein Image und muss mit negativer Berichterstattung, Shitstorms und Hoaxes rechnen.

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