Fehler, Fallen und Pannen beim Fernsehinterview

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Wer im Fernsehen Rede und Antwort zu einem schwierigen Thema stehen muss, erlebt seine Feuertaufe in der Krisenkommunikation. Der gerade noch freundliche TV-Journalist wird zum investigativen Befrager, der auch schon mal solche Fragen stellt, die im Vorgespräch ausgeschlossen waren. In dieser schwierigen und oft auch angespannten Interview-Situation kommt es immer wieder zu Fehlern und Pannen – seitens des Interviewers und auch des Interviewten. Worauf Sie sich (nicht nur) im Kriseninterview vorbereiten sollten, verraten Ihnen die folgenden Tipps:

Mangelhafte Vorbereitung
Der Journalist Friedrich Küppersbusch nimmt im Interview kein Blatt vor den Mund. Wer nicht vorbereitet ist, wird gnadenlos bloßgestellt. Als die Europäische Union (damals noch Europäische Gemeinschaft) 1992 Kritierien für („Maastricht-Kriterien“) verabschiedete, lud Küppersbusch lud den CSU-Politiker und damaligen Parlamentarischen Staatssekretär Erich Riedl ins Studio. Im Gespräch führte Küppersbusch genüsslich vor, dass der Politiker die Kriterien nicht aufzählen konnte. Das Interview ist ein Lehrbuchbeispiel für mangelhafte Vorbereitung zu einem komplexen Thema. Und es sorgt für reichlich Spott bei den Zuschauern. Viele Bürger hatten seinerzeit die komplexen Kritieren nicht verstanden – entsprechend ist die Freude des feixenden Studiopublikums, dass es Riedl offenbar genau so geht. Los geht’s bei Minute 4:17.

 

Die Gedanken sind da, aber es fehlen die Worte
In einem Fernseh-Interview zu sprechen ist für die meisten Menschen eine Ausnahmesituation. Schon ein einfacher Vortrag vor ein paar Dutzend Zuhörern lässt bei Vielen den Puls deutlich ansteigen. Die Vorstellung, einem Millionenpublikum einen komplizierten Zusammenhang zu erklären, kann dann regelrechte Angstattacken auslösen.

Deshalb ist es gerade für Anfänger sinnvoll, sich zumindest die ersten Sätze für ein Interview genau zurechtzulegen. In der Regel wird Ihnen der Interviewer auf Nachfrage seine Einstiegsfrage bereits im Vorgespräch nennen. Das erleichtert Ihnen die Vorbereitung. Den ein guter Einstieg wird Sie durch das weitere Gespräch tragen und reduziert das Lampenfieber.

Das nachfolgende Interview mit Carsten Stock vom Arbeiter Samariter Bund war kein Krisen-Interview, der Moderator versucht deshalb sogar, dem Interviewten zu soufflieren. Und verhindert so den Totalausfall. Thema der Sendung waren deutsche Hilfseinsätze nach dem schweren Erdbeben auf Haiti 2010.

 

Zu komplex gedacht und ins Mikro gestammelt
Viele Anfänger machen den Fehler, im Fernsehen besonders gelehrt wirken zu wollen. Sie bilden lange Sätze mit vielen Einschüben, verwenden schwierige Fremdwörter oder ausgefeilte Sprachbilder. Doch lange Sätze verhindern das Atmen, die Stimme fängt unter Luftmangel an zu kieksen. Bandwurmsätze erfordern zudem viel Konzentration – beim Sprecher wie beim Zuschauer.Verunglückt dann auch noch das gewählte Sprachbild durch einen ärgerlichen Versprecher, kommt es zu spontanen Lachern im Publikum. Das macht den Sprecher noch nervöser, der Auftritt wird zum Rohrkrepierer. Nur wenige Menschen beherrschen es, solche Situationen vor der Kamera wieder einzufangen. Zum Beispiel mit einem sympathischen Lachen über die eigene Panne. Legendär ist hingegen der Versuch des ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten die Vorteile einer Transrapid-Verbindung aus der Münchner Innenstadt zum Münchner Flughafen zu erklären. Leider nur als Hörstück verfügbar:

 

Emotionen zeigen oder Schweigen
Ein guter Interviewer stellt auch harte Fragen. Wenn er genug Zeit hat, stellt er diese nicht gleich zu Beginn des Interviews, sondern erst nach einer kleinen Aufwärmphase.

Bereiten Sie sich deshalb bei Krisenthemen immer auf die schwierigsten denkbaren Fragen vor und halten Sie auch hierfür Antworten bereit. Wenn Sie über ein Thema nicht reden möchten oder können, dann schweigen und stottern Sie nicht im Interview, sondern nennen Sie Gründe für Ihr Ausweichen („Es ist noch zu früh, um dies zu bewerten“, „Dazu müsste man die Verantwortlichen befragen, das sind …“).

Der Nachwelt bekannt geblieben ist der Boxer und Schauspieler Norbert Grupe junior („Prinz von Homburg“) vor allem durch ein legendäres Interview im Aktuellen Sportstudio vom 21. Juni 1969. Da Grupe über die Bewertung seines letzten Boxkampfes durch Interviewer Rainer Günzler verärgert war, schwieg er im Studio zu dessen Fragen und verließ dieses schließlich vor laufender Kamera. Das war keine kluge Entscheidung. Grupe verlor dadurch nicht nur die letzten verbliebenenen Sympathien bei den Zuschauern. Der Bund Deutscher Berufsboxer sperrte ihn auch für sein Verhalten auf Lebenszeit.

 

Der Kuleshov-Effekt
Ein unfairer Trick ist das sinnentstellende Hereinschneiden von provokativen oder emotionalen Bildern in ein Interview. Dadurch lässt sich der Interviewte, dem diese Bilder und ihre Aussage zum Zeitpunkt des Interviews nicht bekannt sind, sehr leicht als kundenfeindlich, ignorant oder überheblich darstellen. Seien Sie deshalb vorsichtig, wenn Ihnen im Interview ungewöhnliche und scheinbar nicht zum Thema passende Fragen gestellt werden oder der Interviewer so lange nachhakt, bis sie ganz eine bestimmte Formulierung verwenden. Ihre Antwort könnte als Übergang zu einem unschönen Zwischenschnitt geplant sein.

Anständige Journalisten werden den Kuleshov-Effekt in seiner vollen Schärfe nicht verwenden. Das verstößt gegen journalistisches Berufsethos. In seiner milderen Form ist er aber häufig anzutreffen. Beispielsweise indem der Redakteur ihren letzten Satz noch einmal aufgreift und dann im nächsten Bild einen enttäuschten Kunden oder einen Betroffenen ihrer Unternehmenskrise zeigt. Seien Sie deshalb vorsichtig mit pauschalen Aussagen in Interviews. Sprechen Sie im Interview von „wenigen, bedauerlichen Einzelfällen“, ist es naheliegend für den Journalisten in der nächsten Einstellung genau einen solchen „bedauerlichen Einzelfall“ vorzustellen – bevorzugt ältere, hilflose Menschen.

Den Kuleshov-Effekt gleich mehrmals und in seiner emotionalsten Form nutzt Satiriker Martin Sonneborn bei seinem Bericht von der Messe „Boot 2014“ in Düsseldorf. Es lohnt sich, den Beitrag in voller Länge anzuschauen.

 

Verhaspler und Pannen
Kein Mensch ist perfekt – schon gar nicht in der Stresssituation eines Interviews. Da hat der Interviewte Glück, wenn das Interview nicht live ist und fehlerhafte Statements einfach noch einmal neu aufgezeichnet werden können. Pech hingegen für den Interviewten wenn er vergisst, das missglückte Statement unbrauchbar zu machen und deutlich zu erklären, dass er es nicht freigibt. Dann werden die Medien sein Statement nämlich vielleicht doch senden – beispielsweise um zu demonstrieren, wie unsicher der Interviewte ist. Oder weil er sich einen freudschen Versprecher geleistet hat, der entlarvend wirkt. In einer solchen Ausnahmesituation vergaß auch der sonst so abgeklärt wirkende Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, ein fehlerhaft eingesprochenes Statement zur Veröffentlichung nicht freizugeben. Prompt konnten sich die Fernsehzuschauer noch am selben Abend von seinem unsicheren Auftreten ein Bild machen. Wenige Tage nach diesem missglückten Auftritt trat zu Guttenberg von seinem Amt zurück.

 

Der missglückte Ausstieg
Ein Meister des Fernsehinterviews war der TV-Journalist Wolfgang Korruhn. Sein Markenzeichen waren Interviews, in denen er seinen Interview-Partnern im Wortsinn „auf die Pelle rückte“ und ihnen so Unbehagen bereitete. Das nutzte er aus, um die Interviewten zusätzlich mit harten Fragen in Bedrängnis zu bringen. Oft mit sehr entlarvenden Ergebnissen.

Vor einem Interview mit der FDP-Politikerin Irmgard Schwaetzer hatte es eine Absprache über die Gesprächsinhalte gegeben. Das ist immer ärgerlich für den Interviewer, aber nicht ungewöhnlich beim Fernsehen. Ungewöhnlich war hingegen, dass Schwaetzer mit Konsequenzen für die Nichteinhaltung der Absprachen gedroht hatte. Noch ungewöhnlicher war, dass Korruhn seine Zuschauer zu Beginn des Interviews (noch in Abwesenheit von Schwaetzer) über diese Vorgeschichte informiert. Das Interview ist aber auch deshalb sehenswert, weil die Politikerin nicht darauf vorbereitet ist, dass Korruhn ihr trotz Verbot jene Fragen stellt, die sie vorab ausgeschlossen hat. Als sie dies bemerkt, weiß sie nicht, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Schließlich bricht sie das Gespräch sehr unprofessional ab. In dieser Situation fehlen ihr ein paar vorab zurechtgelegte Worte für einen Ausstieg. Ein Anfängerfehler, der allerdings auch Interviewprofis manchmal unterläuft, wenn sie sich keine Zeit nehmen oder nehmen können, ein TV-Gespräch sorgfältig vorzubereiten. Ab Minute 2:13 beginnt der für Frau Schwaetzer unangenehme Teil. Aber auch hier lohnt es wieder, den gesamten Beitrag (inklusive des Vorwortes an die Zuschauer anzusehen).

Für alle, die den Hintergrund nicht (mehr) kennen: Jürgen Möllemann hatte 1992 mit einer legendären Volte verhindert, dass Schwaetzer Außenministerin wurde. Am Ende machte Klaus Kinkel das Rennen. Die Politikerin hatte Möllemann daraufhin als „intrigantes Schwein“ bezeichnet, wollte aber später hierzu keine Stellung mehr nehmen.

(wird fortgesetzt)

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