Die unterschätzte „Zwei“ – über die tödlichste Zahl der Welt

In seinem Beitrag „Warum Pferde am liebsten Mädchen beißen“ geht Thomas Petersen vom Allensbacher Institut für Demoskopie auf sogenannte statistische Scheinkorrelationen ein. Das sind voneinander unabhängige Ereignisse, die bei oberflächlicher Betrachtung den Eindruck erwecken, sie seien miteinander korreliert. Besonders gerne werden aus Scheinkorrelationen falsche Schlüsse gezogen, wenn sich zum Beispiel Zeitreihen aufgrund ganz normaler Zufallsschwankungen optisch leicht ähneln. Ein beliebtes und bekanntes Beispiel hierfür ist die zeitgleiche Zunahme der Storchenpopulation und der Geburtenrate in manchen Teilen Deutschlands, die keineswegs statistisch belegt, dass Klapperstörche Kinder bringen.

Pferde beißen am liebsten kleine Mädchen - oder?  Quelle: Wiki Commons.

Pferde beißen am liebsten kleine Mädchen – oder?                   Quelle: Wiki Commons.

Erschienen ist Petersens Beitrag in der Wirtschafts Woche Online – und dort gehört der Beitrag auch hin, denn kaum irgendwo sonst wird so viel mit Scheinkorrelationen und irreführenden Statistiken geschludert wie in den Medien. Leider besteht wenig Hoffnung, dass allzu viele Journalisten den Beitrag lesen. Und noch weniger Hoffnung besteht, dass sie ihn lesen und beherzigen. Das ist der Grund, warum ich meine Kunden regelmäßig vor der gefährlichen Zahl Zwei warne. Die Zwei ist übrigens die neue Drei. Und die Drei ist deswegen nicht ungefährlich geworden. Doch der Reihe nach:

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Lynchjustiz im Internet – wenn die Ebay-Bewertung zur Überlebensversicherung wird

45 Jahre ist es her, dass Wolfgang Menge mit seiner TV-Dystopie „Das Millionenspiel“ der bundesdeutschen Pantoffelkino-Gemeinde einen wohligen Schauer des Gruselns über den Rücken jagte. Die Handlung der fiktiven Geschichte: Bernhard Lotz, Kandidat in einer Fernsehshow, muss sich eine Woche lang vor Auftragskillern verstecken, die von einem Fernsehsender auf ihn angesetzt sind. Gelingt ihm dies, gewinnt er eine Million. Schafft er es nicht, verliert er sein Leben. Der Kandidat kann zwar zu jeder Zeit aussteigen, muss dann aber mit totaler gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Die Zuschauer verfolgen das Spektakel aufmerksam und werden dabei selbst zum Teil der Fernsehshow. Sie entscheiden mit, ob sie dem Verfolgten auf der Flucht helfen, oder ihn an seine Häscher ausliefern.

Dystopie Millionenspiel – für eine Million von der Meute gehetzt

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Den Shitstorm richtig lesen

Anfang Juli veröffentlichte der Komiker Dieter Nuhr einen viel beachteten Griechenland-Witz auf seiner Facebook-Seite („Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“) und löste damit einen heftigen Shitstorm aus. Schnell wurden zahlreiche Medien und auch der ARD-Moderator Jan Böhmermann auf den Shitstorm aufmerksam. Kommentare Böhmermanns wurden allerdings zeitnah von Nuhrs Agentur wieder gelöscht. Dafür berichteten bald darauf BILD, Süddeutsche, Focus und Stern.de über Nuhrs Wortgefecht mit seinen Kritikern.

Gegen Griechenland-Referendum: Dieter Nuhr in der Kritik (Foto: Facebook).

Gegen Griechenland-Referendum: Dieter Nuhr in der Kritik (Foto: Facebook).

Im Interview mit der dpa äußerte sich nun der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen über diesen Shitstorm und empfiehlt, bei Web-Empörungswellen die Beleidigungen „wegzustreichen“ und stattdessen zu ergründen, „welches gesellschaftliche Thema dahinterstehe“. Pörksen verweist exemplarisch auf die #Aufschrei-Debatte und die wiederholten Shitstorms gegen den TV-Moderator Markus Lanz, die sich nach Pörksens Einschätzung an der Frage „Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien?“ entzündet hätten.

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Wie man sich am besten selbst lächerlich macht …

Vor einigen Wochen hatte ich hier im Blog einen Beitrag über einen Behörden-Pressesprecher verfasst, der durch sein Auftreten bei einem Interview seinem Arbeitgeber einen schlechten Dienst erwiesen hat. Die Aufgabe eines Pressesprechers ist es, auch unpopuläre Entscheidungen der Öffentlichkeit zu vermitteln und dabei Hintergründe zu erklären, damit andere Menschen diese Entscheidung besser einordnen und sich dann ein Urteil dazu bilden können.

Barack Obama im Gespräch: Der richtige Aufzug ist das halbe Interview. Quelle: Wiki Commons.

Muss auch manchmal unbequeme Interviews geben: US-Präsident Barack Obama. Quelle: Wiki Commons.

Das ist nicht immer einfach – insbesondere dann, wenn man diese Entscheidung in einem Satire-Beitrag vermitteln muss, der nur dazu gedacht ist, genau diese Entscheidung durch den Kakao zu ziehen. Meist ist der Beitrag schon in seinen Grundzügen vorformuliert, bevor man als Pressesprecher überhaupt Gelegenheit hat, die ersten Fakten darzulegen. Deshalb entscheiden sich manche Sprecher, bei Interview-Anfragen von Satire-Formaten gar nicht erst vor die Kamera zu treten. Wenn sie es doch tun, überlegen sie sich vorher ganz genau, was sie im Beitrag sagen und wie sie das tun. Jedenfalls sollte es so sein.

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Was zu einer angemessenen Entschuldigung gehört … Westfalen-Blatt im doppelten Shitstorm

Kolumne Westfalen-Blatt

Wie das Westfalen-Blatt mal ganz kurz ganz relevant wurde.

In diesen Tagen bewegt die missglückte Entschuldigung einer regionalen Anzeigenzeitung Medienöffentlichkeit und Online Community. Zum Hintergrund: Die Diplom-Soziologin und Kolumnistin Barbara Eggert hatte im Anzeigenblatt „OWL am Sonntag“ einem Leserbriefschreiber nahegelegt, seine 6- und 8-jährigen Töchter nicht zur anstehenden Verpartnerung seines homosexuellen Bruders mitzunehmen, da dies die Mädchen „durcheinander bringen“ würde. „OWL am Sonntag“ erscheint in der Verlagsgruppe Westfalen-Blatt, die die gleichnamige zweitgrößte Regionalzeitung in Ostwestfalen-Lippe herausgibt. Über ihr Einzugsgebiet hinaus ist die Zeitungsgruppe vor allem dafür bekannt, dass sie Ende 2014 ein Interview mit dem AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke als Lückentext veröffentlichte, nachdem dieser einzelne Passagen davon nicht freigegeben hatte. Außerdem wird gerne darauf verwiesen, dass Bild-Chefredakteur Kai Diekmann seine ersten (und wie mancher süffisant hinzufügt: einzigen) journalistischen Sporen dort sammelte.

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Tipps für das Fernsehinterview: Wenn ein Pressesprecher über Blumen stolpert …

Zu den weniger schönen Inhalten der täglichen Arbeit eines Pressesprechers gehört es, auch unliebsame und vor allem unpopuläre Themen nach außen zu verteidigen und dafür den eigenen Kopf in die Kamera zu halten.

Oft erkennen Pressesprecher bei Medienanfragen schon an den ersten Worten des Redakteurs/der Redakteurin, in welche Richtung ein Beitrag gehen soll. So war es sicher auch Dr. Elmar Schleif, Pressesprecher des Bezirksamtes Eimsbüttel in Hamburg schnell klar, dass sein Bezirk in einem Bericht über einen Akt von Guerilla Gardening medial Prügel beziehen würde. Klar war ihm aber auch, dass er als Vertreter seiner Behörde eine erweiterte Auskunftspflicht gegenüber Medien hat, der er idealerweise durch ein Pressegespräch oder Interview nachkommen sollte. Im Hamburger Presserecht heißt es hierzu: „Die Behörden sind verpflichtet, den Vertretern der Presse und des Rundfunks die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen.“ Einen Unterschied zwischen Nachrichtenformaten und Satire-Magazinen macht das Gesetz hierbei nicht.

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