Die Empörungsgesellschaft: Angst als Geschäftsmodell

Kaum ein Thema hat in den letzten Wochen die öffentliche Debatte so angefeuert, wie die Entscheidung der Europäischen Union (EU), den Einsatz des Totalherbizids Glyphosat für weitere fünf Jahre freizugeben. Immerhin steht das unter dem Namen „Roundup“ auch unter Gartenbesitzern beliebte Unkrautbekämpfungsmittel nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO im Verdacht „wahrscheinlich krebserregend“ zu sein.

Unkrautvernichtungsmittel „Round-Up“ Quelle: Pressefoto Naturschutzbund NABU.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sprach daher von einem „unverantwortlichen Persilschein“ seitens der EU. Karin Binder von der Linkspartei mahnte mit Blick auf die Landwirtschaft: „Glyphosat schützt Profite statt Verbraucher“. Die Umweltschutzorganisation BUND beklagte, dass deutsche Behörden „die notwendige kritische Distanz zu den Pestizidherstellern vermissen“ ließen. Immerhin seien rund 70 Prozent der Deutschen, so zitiert der BUND eine nicht näher benannte Erhebung, für ein Verbot des Herbizids. Der bayerische Liedermacher Hans Söllner forderte gar via BILD-Zeitung „ein Berufsverbot für Bauern und Landwirte, die dieses Gift einsetzen“.

Liedermacher Hans Soellner fordert Berufsverbot für viele Landwirte. (Foto: Foto: Stefan Brending / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-3.0 de)

Erwartungsgemäß fing sich der geschäftsführende Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) daher einen veritablen Shitstorm ein und wurde für einen Tag zum meistgehassten Mann in den sozialen Medien, als er Ende November 2017 im angeblich spontanen Alleingang das Zünglein an der Waage spielte und seinen Stellvertreter in Brüssel beauftragte, gegen den Willen von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) den Weg für fünf weiter Jahre Glyphosat frei zu machen. Sein angeblich überraschender Alleingang entpuppte sich dann zwar später als gar nicht so überraschend, aber da hatte sich der Focus von Medien und Öffentlichkeit schon weitergedreht.

Doch warum hat das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat das Potenzial zum großen Aufreger, während zeitgleich viele andere gesellschaftliche Themen und Kontroversen weitgehend unbeachtet verpuffen?

Bei Google Trends erreichte der Sucbegriff „Glyphosat“ Ende November 2017 seinen vorläufigen Höhepunkt (Quelle: Google Trends).

Die Zutaten

Mehrere hundert Themen werden von Umweltorganisationen jährlich in die öffentliche Diskussion gebracht – vom Projekt „Verkehrswende einleiten“ bei Greenpeace, über die NaBu-Vogelschutzaktion „Lebensraum am Felchowsee“ bis hin zum Bienenschutz-Programm „A Place To Bee“ beim BUND. Aber nur wenige davon finden ihren Weg in die Nachrichten. Warum ist das so?

Das Thema Glyphosat liefert quasi prototypisch die Ingredienzen für eine Kampagne nach Lehrbuch. Im Einzelnen sind das:

Eine asymetrische Rollenverteilung: Dem sich hilflos fühlenden Verbraucher gegenüber steht der Saatguthersteller Monsanto, für viele Kritiker eine Chiffre für den die Gesetzgebung beeinflussenden und nach Monopolen strebenden Weltkonzern. Es ergibt sich das klassische Topos von David (Verbraucher) gegen Goliath (Industriekonzern). Eine Kampagne, die ein symmetrisches Täter-Opfer-Bild enthält (zum Beispiel Verbraucher versus Kleinbauern) würde nicht funktionieren. Zwar ist das Monsanto-Patent auf Glyphosat schon lange ausgelaufen und das Produkt wird mittlerweile auch von vielen anderen Herstellern vermarktet, aber für die Kampagne ist dies ohne Belang. Monsanto ist der erklärte Gegner.

Zudem sind die Opportunitätskosten für den Verbraucher beim Thema Glyphosat extrem niedrig. Das an die Landwirtschaft gerichtete Postulat, den Glyphosat-Einsatz zu beenden, erfordert vom Verbraucher keinerlei Zutun. Er kann die Kosten seiner Forderung somit vollständig an Dritte weitergeben, muss dafür höchstens eine Unterschrift unter eine Online-Petition setzen. Greenpeace hatte zwar einige Empfehlungen an Verbraucher ausgegeben, darunter auch den Rat, im eigenen Garten auf Roundup zu verzichten. In die Medien schafften es diese Empfehlungen aber nicht.

Ernährung ist ein Angstthema und speziell die Ernährung in Deutschland geht jeden Verbraucher an. Niemand kann ohne Nahrung auskommen und jeder weiß um deren Bedeutung für die eigene Gesundheit. Auf der anderen Seite verspürt der Verbraucher ein tiefes Misstrauen gegenüber der Nahrungsmittelindustrie. Da aber deutsche Privathaushalte 2015 nur noch 13,9 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Ernährung ausgaben, Sonderangebotspreise ein starker Kauf-Trigger sind und man sich infolgedessen primär von Produkten aus dem Supermarkt ernährt, fehlt der Kontakt zwischen Verbraucher und Produzent. Und wie schon Reichskanzler Otto von Bismarck wusste: „Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.“ Es bleibt daher ein tiefes Misstrauen vieler Verbraucher, was da eigentlich genau im Essen ist. Eine Kampagne, die Ernährung in anderen Regionen der Welt zum Thema hätte, würde daher deutlich schlechter funktionieren als die hiesige Glyphosat-Diskussion. – Das bedeutet übrigens im Umkehrschluss allerdings nicht, dass deutsche Verbraucher aus Sorge um ihre Ernährung vermehrt auf Bio-Kost umsteigen. Der Anteil der Bio-Produkte am Lebensmittel-Gesamtumsatz lag in Deutschland 2015 bei mageren 4,8 Prozent. Auch die Lebensmittelskandale der Vergangenheit haben das Einkaufsverhalten der Verbraucher immer nur kurz-, aber nie langfristig verändert. Die Wirtschaftswoche vermeldete zuletzt gar ein Ende des jahrelang gehypten „Veggie-Booms“.

Glyphosat lässt sich kontrovers diskutieren. Der Eingruppierung des Herbizids durch die  WHO als „wahrscheinlich krebserregend“/Kategorie 2A (also in die selben Kategorie wie rotes Fleisch, Schichtarbeit und offene Kamine), steht der Hinweis des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) entgegen, dass die für den Menschen noch akzeptable tägliche Dosis („Acceptable Daily Intake“ – ADI) bei bestimmungsgemäßem Gebrauch von Glyphosat in der Praxis weit unterschritten werde, daher nach menschlichem Ermessen keine Gefahr für Verbraucher bestehe.

Weizenanbau in Malmesbury, Südafrika (Quelle: Bayer AG).
Farmer Neels Neethling (left) and his employee Tol Kaptein inspecting the quality of the wheat growing on his 4,500 hectares of land at Malmesbury, South Africa.

Cui Bono – wem nutzt das Thema?

Die Glyphosat-Debatte kennt neben den Medien, die mit dem Thema erfolgreich Auflage generieren, überraschend viele weitere Gewinner. Landwirtschaftsminister Schmidt verlor zwar Ansehen beim politischen Gegner, konnte aber dafür bei der bäuerlichen Kernklientel der CSU nach der verlustreichen Bundestagswahl 2017 wieder Stimmen gutmachen – insbesondere in ländlichen Regionen Bayerns, wo die Landwirtschaft traditionell stark ist. Das Bauernblatt Schleswig-Holstein beziffert die Kosten eines Glyphosat-Verbots immerhin auf bis zu 200 Euro pro Hektar und Jahr – bei einer durchschnittlichen Nutzfläche von knapp 60 ha pro Hof. Kosten, die bei so manchem Kleinbetrieb an die Substanz gehen.

Auch die Grünen profitierten nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen von der Glyphosat-Diskussion. Ihre Wählerschaft hat nur kleine Schnittmengen mit der konventionellen bäuerlichen Landwirtschaft, somit gibt es nur wenige Anhänger der Partei, die von einem Glyphosat-Verbot wirtschaftliche Nachteile hätten. Die geschäftsführende Umweltministerin Hendricks gewann ebenfalls durch ihren in der Öffentlichkeit ausgetragenen Disput mit Schmidt an Popularität. Auch die Umweltverbände profitieren von der Glyphosat-Debatte. Sie generieren einen Großteil ihrer Einnahmen aus Spenden, vielfach Kleinspenden. Erfolgreiche Kampagnen sind daher immer auch Einnahmen-Booster für die Verbände.

Der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer sah hingegen schon 2012 Monsanto selbst als eigentlichen Gewinner der Glyphosat-Diskussion: „Warum steht dann das Glyphosat in der Kritik? Ganz einfach. Das Patent läuft aus, die Preise gehen in den Keller und der Gewinn der Chemiefirmen schmilzt. Unter der Billigkonkurrenz leiden alle Anbieter von Herbiziden. Glyphosat schadet nicht so sehr der Umwelt, sondern dem Umsatz. … Sollte es etwa hinter den Fassaden ein feines Zusammenspiel zwischen den Agrochemiekonzernen und den Spendensammelorganisationen geben – etwa zum gegenseitigen Vorteil?“

Ähnlich urteilt der Frankfurter Aktienanalyst Thomas Schießle von Equitiy Research. Auch er vermutet, dass ein Glyphosat-Verbot für den durch den Zusammenschluss von Bayer und Monsanto entstehenden Agar-Riesen von Vorteil ist. So werde „durch die Beendigung der Zulassung der technische Fortschritt in diesem Bereich, nämlich im Pflanzenschutz, … beflügelt.“ Schießle glaubt: „Das heißt, es müssen neue Produkte, die dann nicht mehr zugelassenen Produkte ersetzen, und damit wird der Entwicklungsfortschritt sicherlich beflügelt, will heißen, alle die, die forschen und entwickeln, haben da grundsätzlich erst mal die Nase vorn, während alle die, die auf alte Produkte setzen, typischerweise dann das Nachsehen haben.“

Eine ganz andere Spur verfolgte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die über den Maastrichter Statistiker Christopher J. Portier berichtet, der für Glyphosat-kritische Studien hohe Honorare aus der Privatwirtschaft bekam, obwohl er selbst weder Biologe, Chemiker, Mediziner oder Toxikologe ist, sondern reine Datenauswertungen betreibt. Portier steht auf der Gehaltsliste mehrerer amerikanischer Anwaltskanzleien, zu deren Geschäftsmodell es gehört, große Unternehmen auf Schadensersatz zu verklagen. Ein EU-weites oder globales Verbot von Glyphosat oder anderen Herbiziden würde die Chancen dieser Kanzleien vergrößern, für ihre Klienten hohe Entschädigungen vor Gericht zu erstreiten. Das US-Rechtssystem sieht bei solchen Entschädigungen eine prozentuale Beteiligung der jeweiligen Anwaltskanzlei vor. Die Höhe der Entschädigung richtet sich wiederum nicht nach dem verursachten Schaden, sondern nach der Wirtschaftskraft des Beklagten, wodurch es in den USA besonders interessant ist, große Unternehmen zu verklagen. 2014 wurde etwa der Tabakkonzern R. J. Reynolds zu einer Entschädigung in Höhe von 23,6 Milliarden US-Dollar verurteilt. Monsanto ist nach Umsatz rund anderthalbmal so groß wie R. J. Reynolds, zusammen mit Bayer sogar rund fünfmal. Sehen wir der weltweit ersten 100-Milliarden-Dollar-Schadenersatzklage entgegen?

Der kurze Einblick zeigt: Die Glyphosat-Debatte kennt viele Gewinner – auch über politische Grenzen hinweg. Und bei einem möglichen Verbot im nationalen Alleingang dürften vielerorten die Korken knallen.

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