Über journalistische Filterblasen und Zahlenfallen (I)

Eine der größten Herausforderungen für Journalisten ist es, die Dinge, die man immer wieder hört und liest, nicht einfach für selbstverständlich zu nehmen, nur weil jeder sagt, es sei so – und es sei auch schon immer so gewesen. Besonders groß ist die Gefahr, scheinbaren Wahrheiten aufzusitzen, wenn bereits fast alle Kollegen darüber geschrieben haben. So entstehen immer wieder Herdeneffekte im Journalismus – und nicht immer rennt die Herde dorthin, wo das Wasser der Erkenntnis zu finden ist.

Das Seepferdchen-Abzeichen - einst "Frühschwimmer" genannt.

Das Seepferdchen-Abzeichen – einst „Frühschwimmer“ genannt.

Annabel Wahba ist Redakteurin beim ZEIT Magazin. Im Oktober 2016 schrieb sie den Artikel „Rettet das Seepferdchen“. Darin geht es um die Frage, warum immer weniger Kinder in Deutschland die Seepferdchen-Schwimmprüfung ablegen. In den letzten anderthalb Jahren war in den Medien viel über Flüchtlingskinder zu lesen, die nicht schwimmen können. Exemplarisch erwähnt Wahba den Fall eines türkischstämmigen Mädchens, das im Sommer 2016 im Werbellinsee ertrank. Sie schreibt in ihrem Artikel über Zuwanderer aus Ländern „in denen Schwimmen keine große Tradition hat“. Als Mutter eines sechsjährigen Mädchens klagt Wahba nicht ganz zu Unrecht über lange Wartezeiten für Schwimmkurse, über die schrumpfende Zahl öffentlicher Schwimmbäder, und deren Verdrängung durch Spaßbäder, die „für Schwimmkurse nicht geeignet“ sind. Wer Wahbas Artikel liest, gewinnt den Eindruck, dass die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken stark steigt, weil immer mehr Kinder nicht mehr das Schwimmen erlernen und Flüchtlings-Eltern diese Gefahr zu wenig bewusst ist. Sie klagt auch über Helikopter-Eltern, die im Spaßbad unten „im flachen Becken stehen“ um ihre Kinder nach den Rutschen gleich wieder aufzufangen. Das klingt plausibel, es passt zu dem Bild, das wir uns alle machen. Es hat nur einen Haken: Die Zahlen geben das nicht her.

Schauen wir in die Statistik: Im Jahr 1994 ertranken in Deutschland 775 Menschen, im Jahr 2004 waren es 470 Menschen, 2014 nur noch 392. Nach einem verregneten Sommer 2014 stieg im Folgejahr die Zahl wieder auf 448 an – darunter auch 27 Flüchtlinge. 2016 könnte es noch einmal einen Anstieg gegeben haben, die Zahlen des gerade vergangenen Sommers sind noch nicht veröffentlicht. Überraschenderweise ertrinken dabei laut Deutscher Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) etwa so viele Menschen an bayerischen Badeseen wie in Nord- und Ostsee zusammen. Je nach Wetter schwanken die Zahlen stark von Jahr zu Jahr – im Jahrhundertsommer 2006 gab es ein Drittel mehr Todesfälle als im Vorjahr und im Jahr danach – übrigens ohne, dass die Medien groß darüber berichtet hättet.

Der Trend der letzten Jahrzehnte ist aber insgesamt erfreulicherweise abwärts gerichtet. Auch die 27 toten Flüchtlinge von 2015 ließen das Jahr nicht zu einem solchen annus horribilis werden wie 1994 mit seinen insgesamt 775 Toten. Wahba irrt aber noch in einem weiteren Punkt. Sie bedauert den „Niedergang der Schwimmkultur“ und konstatiert: „Die Zahl der Nichtschwimmer ist so hoch, dass der Verdacht naheliegt, dass auch einige von uns Freibadkindern von damals ihren Kindern heute das Schwimmen nicht mehr beibringen.“ Das passt gut zum gesellschaftlichen Sentiment, dass früher alles besser war, sogar die Eltern. Wahba klagt: „Viele Eltern bemühen sich [heutzutage] gar nicht erst, ihre Kinder ans Wasser heranzuführen.“

Schauen wir uns daher die Zahlen der Todesfälle durch Ertrinken für das Jahr 2014 einmal genauer an und differenzieren nach Alterskohorten: In der Altersgruppe 0 bis 5 Jahre starben in ganz Deutschland 7 Kinder, in der Altersgruppe 6 bis 10 Jahre starben 9 Kinder. 4 Ertrunkene waren zwischen 11 und 15 Jahre alt. Dazu stellte Dr. Klaus Wilkens, Ehrenpräsident der DLRG, 2014 fest: „Hat der Verlust von Schwimmbädern aktuell Auswirkungen auf das Ertrinken von Kindern im Alter bis zu 15 Jahren? Diese Frage ist mit ‚nein‘ zu beantworten. Im Vergleich der vergangenen zehn Jahre ist die Zahl der ertrunkenen Kinder im Alter zwischen null und 15 Jahren deutlich gesunken. Hier stellt sich die Frage nach den Ursachen der gesunkenen Ertrinkungszahlen trotz schlechter Schwimmfähigkeit der Kinder und Jugendlichen.“

DLRG - Freibadwache - wer wird hier eigentlich gerettet?

DLRG – Freibadwache – wer wird hier eigentlich gerettet?

Aber wer sind dann die Todesopfer, über die wir zuletzt so viel lasen? Ein weiterer Blick auf die Zahlen des Jahres 2014 zeigt: 130 Ertrunkene waren 60 Jahre oder älter, die meisten Todesfälle gab es mit 33 Fällen in der Altersgruppe 46 bis 50 Jahre (bei weiteren 40 Personen ist das Alter nicht statistisch erfasst). Es ertrinken also erstaunlicherweise genau die Menschen, in deren Jugend es die von Wahba so gelobte Schwimmbadkultur noch gegeben hat. Warum das so ist, verraten uns die Zahlen leider nicht.

Halten wir fest: Es ist gut und richtig, dass Kinder früh das Schwimmen lernen. Die DLRG und viele andere Ehrenamtliche leisten hier eine gar nicht ausreichend zu würdigende Arbeit. Es ist außerdem richtig, Flüchtlinge aus Ländern ohne Schwimmkultur auf die Gefahren im Wasser hinzuweisen und ihnen Schwimmkurse anzubieten. Jeder Todesfall ist einer zu viel. Aber wer – wie Wahba  – nur in der eigenen Lebenssituation denkt, ist bereits in seiner Filterblase gefangen. Weder sind es primär Kinder, die ertrinken, noch gehen die Todeszahlen langfristig aufwärts. Und wer die Unfallzahlen in Deutschland weiter senken will, sollte sein Augenmerk mal auf die Älteren richten, über die aber leider keine Journalistin – und Mutter – schreibt.

 In einem der nächsten Blog-Beiträge werde ich mich mit dem Thema der Immobilienpreise in Deutschland beschäftigen, warum es auch dort Wahrnehmungsfehler gibt und welche Folgen sie für die Berichterstattung und für Unternehmen aus der Immobilienbranche haben.

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