Über journalistische Filterblasen und Zahlenfallen (I)

Eine der größten Herausforderungen für Journalisten ist es, die Dinge, die man immer wieder hört und liest, nicht einfach für selbstverständlich zu nehmen, nur weil jeder sagt, es sei so – und es sei auch schon immer so gewesen. Besonders groß ist die Gefahr, scheinbaren Wahrheiten aufzusitzen, wenn bereits fast alle Kollegen darüber geschrieben haben. So entstehen immer wieder Herdeneffekte im Journalismus – und nicht immer rennt die Herde dorthin, wo das Wasser der Erkenntnis zu finden ist.

Das Seepferdchen-Abzeichen - einst "Frühschwimmer" genannt.

Das Seepferdchen-Abzeichen – einst „Frühschwimmer“ genannt.

Annabel Wahba ist Redakteurin beim ZEIT Magazin. Im Oktober 2016 schrieb sie den Artikel „Rettet das Seepferdchen“. Darin geht es um die Frage, warum immer weniger Kinder in Deutschland die Seepferdchen-Schwimmprüfung ablegen. In den letzten anderthalb Jahren war in den Medien viel über Flüchtlingskinder zu lesen, die nicht schwimmen können. Exemplarisch erwähnt Wahba den Fall eines türkischstämmigen Mädchens, das im Sommer 2016 im Werbellinsee ertrank. Sie schreibt in ihrem Artikel über Zuwanderer aus Ländern „in denen Schwimmen keine große Tradition hat“. Als Mutter eines sechsjährigen Mädchens klagt Wahba nicht ganz zu Unrecht über lange Wartezeiten für Schwimmkurse, über die schrumpfende Zahl öffentlicher Schwimmbäder, und deren Verdrängung durch Spaßbäder, die „für Schwimmkurse nicht geeignet“ sind. Wer Wahbas Artikel liest, gewinnt den Eindruck, dass die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken stark steigt, weil immer mehr Kinder nicht mehr das Schwimmen erlernen und Flüchtlings-Eltern diese Gefahr zu wenig bewusst ist. Sie klagt auch über Helikopter-Eltern, die im Spaßbad unten „im flachen Becken stehen“ um ihre Kinder nach den Rutschen gleich wieder aufzufangen. Das klingt plausibel, es passt zu dem Bild, das wir uns alle machen. Es hat nur einen Haken: Die Zahlen geben das nicht her.

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