M(a)istens unabhängig – wie unkritisch darf Journalismus sein?

Gäbe es einen Preis für die skandalträchtigste Anstalt innerhalb der Senderfamilie der ARD, der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) besäße vermutlich ein Abonnent auf dauerhaften Titelgewinn. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelte jahrelang wegen Betrug, Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit im Umfeld des Senders. Ein Mitarbeiter wurde wegen Veruntreuung zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er mit öffentlichen Geldern seine private Spielsucht finanziert hatte. Verfahren gegen andere MDR-Verantwortliche wurden schließlich gegen Zahlung von Geldstrafen eingestellt. Der Sender galt zudem lange Zeit als Bastion fragwürdiger DDR-Ostalgie, aber unter seinem umstrittenen Intendanten Udo Reiter auch als sichere Bank der Union.

Der Mais und die Stadt - wie parteiisch darf Berichterstattung sein? (Foto: MDR)

Der Mais, die Flut und die Stadt – wie parteiisch darf Berichterstattung sein? (Foto: MDR)

Ende Juni 2016 berichtete das MDR-Politmagazin Fakt über das bayerische Simbach am Inn, wo am 1. Juni ein bis dahin beispielsloses Hochwasser weite Teile der Innenstadt verwüstet und fünf Menschenleben gefordert hatte. In den Wochen nach der Flut hatten viele Medien, darunter die Süddeutsche Zeitung und die BILD-Zeitung spekuliert, dass der vermehrte Maisanbau in der Region zu einer Verdichtung der Böden geführt haben könne und die Flut so begünstigt worden sei. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte sich entsprechend geäußert. Anlass genug für Fakt, das Thema ebenfalls zu beleuchten unter der Überschrift: „Was Landwirte mit der Flut in Simbach am Inn zu tun haben“ (ab Sendeminute 22:48).

Mit dem Beitrag beauftragt wurde der freie TV-Journalist Knud Vetten, der bereits für die taz und andere Medien kritisch über Landwirtschaftsthemen berichtet hatte, etwa über Massentierhaltung. Zu erwarten wäre also, dass Vetten dem für ein Interview angefragten Umweltreferenten des Deutschen Bauernverbandes, Eberhard Hartelt, kritische Fragen stellt, etwa zur Versickerungsfähigkeit von Maisäckern, zur Verdichtung von Böden unter immer größeren Erntemaschinen oder zum Verschwinden von Wäldern, Rainen und Hecken infolge des langjährigen groß angelegten Umbaus von Nutzflächen.

Deutscher Bauernverband im Interview das keines ist. (Foto: MDR)

Deutscher Bauernverband im Interview das keines ist. (Foto: MDR)

Doch stattdessen darf Hartelt im Beitrag zuerst einmal erklären, dass die Bundesumweltministerien die Naturkatastrophe nur instrumentalisiere, um dann fortzufahren: „Ich halte das für einen ungeheuerlichen Vorwurf. Der ist in keinster Weise sachgerecht. Und der ist in keinster Weise gerechtfertigt.“ Irgendwelche Aussagen zu einem möglichen Mitverschulden der Landwirtschaft an der Katastrophe? Irgendwelche Nachfragen des Journalisten? Fehlanzeige. Ein eigenartiges Interview.

Doch es geht noch weiter. Zwar darf dann in einem kurzen Interview Christine Markgraf vom Umweltverband BUND Fotos von erodierten Maisfeldern zeigen und erklären, dass der Maisanbau eine „von vielen Ursachen“ für die Flut sei, aber dann folgt sofort ein weiteres Interview mit dem renommierten Klimaforscher Hartmut Graßl. Der frühere Direktor des Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) hatte einst als einer der ersten seiner Profession vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Praktischerweise ist Graßl der Landwirtschaft zudem auch sehr persönlich verbunden. Selbst von einem Bauernhof stammend, hütete er schon als Kind im Berchtesgadener Land die Kühe seiner Eltern.

Angenommen, man würde den Bauernverband fragen, welchen Wissenschaftler er sich in einem TV-Beitrag über den Mais-Anbau gut vorstellen könne, wen würde der Verband wohl vorschlagen?

So erteilt Graßl der Landwirtschaft im Interview schnell Absolution: „Bei leichten Hochwässern, bei mittleren Hochwässern ist es schon wesentlich, welche Oberflächeneigenschaft vorhanden ist. Aber wenn die Niederschläge über ein bestimmtes Maß hinausgehen, sodass nichts mehr an Zeit bleibt zum Versickern, ist es ziemlich egal, was da stand.“ Damit ist die Landwirtschaft aus Sicht Graßls von jeglicher Schuld befreit.

Prof. Hartmut Graßl: Klimaforscher mit Herz für die Landwirtschaft.

Prof. Hartmut Graßl: Klimaforscher mit Herz für die Landwirtschaft. (Foto: MDR)

Anschließend dürfen dann (ebenfalls völlig untypisch für einen angeblich kritischen TV-Bericht) zwei Betreiber einer Biogas-Anlage in eigener Sache erklären, dass sie die Vorwürfe – oh, wunder – ungerechtfertigt finden und zum Abschluss spricht dann noch einmal Klimaforscher Graßl: „Wenn man jetzt den Bauern vorführt und ihm die Schuld zuweist: Der hat ja nur gemacht, was die Politik für rechtens erklärt hat“. Das hat zwar nichts mit der Frage zu tun, ob der Maisanbau grundsätzlich schuld an der Flut ist, aber Graßls Fazit steht trotzdem fest: „Also jetzt Bauerndresche zu machen, das ist falsch.“ Und damit endet der Fakt-Beitrag.

Woher kommt diese augenscheinlich unkritische Nähe des MDR zum Landwirtschaftsverband? Liegt sie darin begründet, dass der im Beitrag so wohlwollend interviewte Bauernvertreter Eberhard Hartelt mit dem stellvertretenden MDR-Rundfunkratsvorsitzenden Horst Saage (Bauernverband Sachsen-Anhalt) bekannt ist? Oder gibt es noch weitere Verbindungen?

Horst Saage vom Bauernverband (li.) ist Stellvertretender Vorsitzender des MDR-Rundfunkrates.

Horst Saage vom Bauernverband (li.) ist Stellvertretender Vorsitzender des MDR-Rundfunkrates. (Foto: MDR)

Über einen Besuch des Vorsitzenden des Sächsischen Landesbauernverbandes (SLB) Wolfgang Vogel beim MDR titelte der Bauern-Verband in einer Pressemitteilung: „Fundierte Berichterstattungen zur Landwirtschaft und Vermarktung Sächsischer Produkte stehen im Vordergrund“. Stolz heißt es dort: „Am 30. Oktober 2014 trafen sich der MDR-Direktor Sandro Viroli und Präsident Vogel im Landesfunkhaus Dresden zu einem 2-stündigen Gedankenaustausch über die künftige Zusammenarbeit zwischen MDR und SLB. Im Vordergrund stand die Planung einer langfristigen Berichterstattung für 2015 zur Arbeit der Bauern auf ihren Feldern und in ihren Ställen. Den Gesprächspartnern geht es sowohl um interessante als auch nutzbringende Reportagen für die breite Bevölkerungsschicht, die den Verbrauchern die heutige Landwirtschaft, das Leben auf dem Lande und ihre Verwurzelung in der Region näher bringen. … Auch eine Art Gewinnspiel wurde dabei ins Auge gefasst, deren Sieger sich auf hochwertige regionale Produkte oder auch ein Wochenende auf einem Bauernhof freuen können.“

Hätte der Vorsitzende eines Lobbyverbandes der Pharmaindustrie oder der Finanzbranche eine ähnliche Pressemitteilung veröffentlicht – es hätte zurecht einen Sturm der Empörung gegeben. Eine enge Zusammenarbeit mit dem SLB hingegen scheint für den MDR völlig in Ordnung zu sein. Landesfunkhaus-Chef Vitelli versprach sogar einen Gegenbesuch: „Zudem sagte Sandro Viroli seine Teilnahme an der SLB-Verbandsklausur am 8. Januar 2015 in Limbach-Oberfrohna zu. Hier werde es insbesondere um thematische Vorstellungen zur Öffentlichkeitsarbeit für die Landwirtschaft beider Seiten gehen.“

Vor diesem Hintergrund erscheint der bauernfreundliche TV-Bericht über Simbach jedenfalls in einem völlig anderen Licht.

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