Der Mörder ist immer der Geiger

Rund 550 Namen enthält die globale Liste der Raumfahrer, also jener Menschen, die schon einmal die Grenze zum Weltall in rund 100 Kilometern Höhe überschritten haben. Würden 550 von ihnen einem besonderen Hobby nachgehen und sonst kein Mensch auf der Welt, so könnte man wohl mit Fug und Recht von einem Raumfahrer-Hobby sprechen.

Astronaut grüßt zur Tarnung freundlich - wen will er töten? (Quelle: NASA)

Astronaut grüßt zur Tarnung freundlich – wen wird er als nächstes töten? (Quelle: NASA)

 

Gäbe es hingegen nur einen Raumfahrer auf der Welt, der – genau wie Millionen anderer Menschen – beispielsweise Briefmarken sammelt oder Schach spielt, würde man eher nicht von einem Raumfahrer-Hobby sprechen. Außer natürlich, man könnte daraus einen reißerischen Artikel machen.

Was das bedeutet und wie rufschädigend medienwirksame Scheinkorrelationen mitunter sein können, mussten jüngst klassische Musiker und Komponisten erfahren. Anlass ist ein Streit zwischen dem Star-Geiger David Garrett und seiner Ex-Freundin, der Porno-Darstellerin Ashley Youdan. Letztere wirft Ersterem Körperverletzung und eine Neigung zu ausgefallenen Sex-Praktiken vor.

Das ist sowohl für den Stern („So doll treibt es die Klassik-Szene“),  als auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung („Verbrechen klassischer Musiker“) willkommene Steilvorlage für einen Rundumschlag gegen Musiker und Komponisten.

Komponist W.A. Mozart: Auch post mortem ein ziemliches Ferkel. (Quelle: Wiki Commons)

Komponist W.A. Mozart: Auch post mortem ein ziemliches Ferkel. (Quelle: Wiki Commons)

Der klassikaffine Leser ist bereits beim ersten Blick auf den Stern-Artikel irritiert, macht dieser doch in der Überschrift mit dem Zitat „Ich scheiss dir auf d‘ nasen“ des 1791 verstorbenen Wolfgang Amadeus Mozart auf, das dieser 1877 (sic!) geäußert haben soll. Für den weniger gebildeten Leser ist dies gleichwohl kein Hinderungsgrund, dem Stern in die Untiefen der Materie zu folgen. Das Thema ist aber auch zu verlockend: Klassische Musiker gelten gemeinhin als vergeistigt, kontrolliert und immer ein bisschen weltabgewandt. Sie mit sexuellen Perversionen in Verbindung zu bringen, bietet daher eine schöne Geschichte im Stil von „Mann beißt Hund“. Und wer tief genug gräbt in 500 Jahren Musikgeschichte, der findet auch ein paar deftige Sex-Geschichten und allerlei Anzügliches über Komponisten, Bratschisten und andere Orchestermusiker. Natürlich dürfen die erotischen Eskapaden Mozarts und Wagners in der Stern-Story nicht fehlen. Immerhin zwei von einigen hundert großen Komponisten. Wer würde da nicht von einer enormen Häufung sprechen?

Und so heißt es hämisch beim Stern: „So doll trieben es die großen Komponisten, dass sich zahlreiche mit der Geschlechtskrankheit Syphilis infizierten, darunter Franz Schubert, Friedrich Smetana oder Hugo Wolf.“ Zwar könnte man an dieser Stelle einwenden, dass die Syphilis bis ins 19., teilweise sogar bis ins 20. Jahrhundert eine weit verbreitete Krankheit gerade in europäischen Städten war und keineswegs nur durch den Geschlechtsakt übertragen wurde, sondern beispielsweise auch viele Kinder Opfer der Seuche wurden. Aber dann wäre die schöne Geschichte kaputt. Immerhin gilt die Syphilis seit dem Mittelalter als Lustseuche, jeder Erkrankte war folglich sexuell ausschweifend.

Und so fabuliert der Stern weiter: „Nicht nur Komponisten sind für ihren überbordenden Lebenswandel bekannt, auch Geiger.“ Und präsentiert neben Garrett noch zwei weitere Beispiele, nämlich den an einer (medizinisch bedingten, aber natürlich gut zum Thema passenden) Dauererrektion leidenden Niccolò Paganini, der sich einer verheirateten Frau genähert haben soll und den Deutschen Orchestermusiker Stefan Arzberger, dem augenscheinlich von einer Prostituierten 2015 in einem New Yorker Hotel K.O.-Tropfen verabreicht wurden, woraufhin er eine (andere) Frau gewürgt haben soll.

Klar, drei Fälle in 200 Jahren sind in der Medienlogik eine Serie. Zwei würden auch schon reichen. Zwar gab es in den letzten fünf Jahrhunderten zigtausend unauffällige Berufsmusiker und Komponisten (genaue Zahlen dazu sind nicht verfügbar), womit einiges dafür spricht, dass Straftäter unter klassischen Musikern sogar eher unterrepräsentiert sind. Trotzdem kann das Fazit des Stern natürlich nur lauten:  „Wie es scheint, hat die Klassik-Szene der Rockmusik in puncto Party und Exzesse längst den Rang abgelaufen.“

Schockierende Erkenntnis: Fiktiver Dirigent Rodrigo de Souza (Gael García Bernal ) hat auch einen Unterkörper. (Quelle: Amazon)

Schockierende Erkenntnis: Fiktiver Dirigent Rodrigo de Souza (Gael García Bernal ) hat auch einen Unterkörper. (Quelle: Amazon)

Wie gut passt es, dass gerade aktuell auf Amazon die Serie „Mozart in the Jungle“ verfügbar ist, die auf den Memoiren einer New Yorker Oboistin beruht. Und so mutmaßt der Stern abschließend: „Wer die Folgen um den durchgeknallten (fiktiven) Dirigenten … und seine Musiker gesehen hat, wundert sich dann nicht mehr, dass ein Stargeiger wie David Garrett sich über einen Escort-Service eine Porno-Darstellerin bucht.“

Oder anders gesagt: Wenn weitgehend fiktive Serien etwas Schlechtes über ganze Berufsgruppen sagen, dann wird schon was dran sein. Womit sich der Stern endgültig aus dem ernsthaften Nachrichten-Geschäft verabschiedet hat.

Aber wer jetzt denkt, dass die FAZ das Thema seriöser angeht, der wird enttäuscht:  So findet deren Autorin als Beleg für die Verderbtheit der Klassik-Szene immerhin neben den bereits vom Stern erwähnten Garret und Arzberger zwei wegen sexueller Übergriffe angezeigte Musikprofessoren, einen hobbymäßig Klarinette spielenden Serienmörder, eine halbe Handvoll Eifersuchtsdramen mit Todesfolge und zwei klassische Musiker, die schon mal mit Drogen gehandelt haben sollen, sowie die Steuerhinterziehung der Sopranistin Montserrat Caballé. Und dann wäre da noch der Klavierdieb, der mit Mozart persönlich bekannt war …

Klassik oder Jazz - wen interessiert der Unterschied, wenn es um Mord und eine gute Story geht? (Quelle: LKA Hessen)

Serienmörder spielt Klassik oder Jazz – wen interessiert der Unterschied, wenn es um eine gute Story geht? (Quelle: LKA Hessen)

Zwar räumt die FAZ im Absatz über den Serienmörder selbst ein: „’Der Serien-Killer mit der Klarinette‘ wurde getitelt, oder ‚Kannibale mit Klarinette‘, als sage das irgendetwas über ihn aus. Dabei spielte er nur in seiner Freizeit (und zwar: Jazz), sein Beruf war Entrümpler.“ Aber das hindert die FAZ natürlich nicht daran, am Ende doch in das gleiche Horn zu stoßen mit ihrem Fazit zu Arzberger: „Er könnte ein vollkommen verhaltenstypischer klassischer Musiker sein.“

Seien wir also gespannt, welche abgrundtiefen Geschichten wir demnächst über Raumfahrer und Briefmarkensammler lesen dürfen. Wenn man Statistiken nur hinreichend genug verbiegt, geht da sicher einiges. Und ein paar gute Kinofilme als erste Recherchequelle lassen sich sicher auch finden.

Aktualisierung 9.6.2016: Soeben von der Realität eingeholt. Wir dürfen gespannt sein auf die ersten Geschichten über „Killer-Astronauten.“

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