Bekenntnisse am Beamtenschreibtisch

Immer wieder bin ich in diesem Blog darauf eingegangen, wie wichtig es gerade bei schwierigen und unschönen Themen ist, das Umfeld für ein Fernseh-Interview sorgfältig vorzubereiten. Eine der beliebtesten Gesprächsumgebungen gerade in der kritischen Fernsehberichterstattung ist seit jeher das Schreibtisch-Interview. Die Vorliebe von TV-Teams für den Besuch am Behörden-Schreibtisch kommt nicht von ungefähr, denn das Möbelstück besitzt als Requisite hohe Symbolkraft und erlaubt allerlei satirische Interpretationen. So hat die Hörspiel-Reihe „Stenkelfeld“ dem Beamtenschreibtisch als Kunstwerk eine sehr hörenswerte Sottise spendiert.

Ein gutes Beispiel für die Wirkung eines solchen Schreibtisch-Interviews liefert der Beitrag „Realer Irrsinn: Illegale Solaranlage im Braunkohlegebiet“ von extra 3 (NDR):

Die Hintergrundgeschichte ist schnell erzählt: Nahe eines Braunkohle-Tagebaus in Brandenburg hat die Kreisbehörde Spree-Neiße den Abbau einer Solaranlage vom Dach einer denkmalgeschützten Kirche angeordnet, da diese Anlage die Ästhetik des Baudenkmals stört. Die Crux hierbei: Diese Kirche in der Gemeinde Atterwasch wird möglicherweise ohnehin bald für den Braunkohletagebau abgerissen.  Zu Recht fragt der TV-Zuschauer sich also, warum das Denkmal einerseits so schützenswert ist, dass der Abbau der Solaranlage geboten scheint, der komplette Abbruch des Denkmals hingegen aus Behördensicht vertretbar ist.

Wer als Vertreter des Landkreises zu diesem Thema in einem Satire-Beitrag vor die Kamera tritt und diese eigenartige Entscheidung seiner Behörde rechtfertigen muss, kann kommunikativ wenig retten. Umso mehr ist anzuerkennen, dass der Stellvertretende Landrat Olaf Lalk den schweren Gang vor die Kamera trotzdem antritt. Immerhin wird er im selben TV-Beitrag auch noch von einer Parteigenossin hart angegangen.

Der Beitrag verläuft unerfreulich: Ungelenk steht Lalk für seinen Auftritt erst für ein untersichtiges Off-Bild (erster Fehler) vor dem Kreishaus, um sich dann (zweiter Fehler) an seinem Schreibtisch interviewen zu lassen.

Beliebte Falle - die TV-Aufnahme aus der Untersicht.

Beliebte Falle – die TV-Aufnahme aus der Untersicht.

Zur unangenehmen Wirkung von untersichtigen Bildern habe ich mich bereit früher geäußert, daher heute direkt zum Schreibtisch.

Der eigene Schreibtisch - Freud und Leid des Staatsdieners

Der eigene Schreibtisch – Freud und Leid des Staatsdieners

Medien-Profis vermeiden hier folgende Fehler:

  • Keine Büro-Tassen mit lustigen Sprüchen über die eigene Berufsgruppe oder Kunden auf den Schreibtisch stellen.
  • Der raumgreifend schräg ins eigene Dienstzimmer gestellte Schreibtisch signalisiert den gelungenen Aufstieg in der Behörden-Hierarchie. Steht er allerdings so vorm Fenster, dass das Licht nur von hinten auf den Protagonisten fällt und dieser im Halbdunkel sitzt, lässt es ihn unschön aussehen. Seine Mimik kann vom Zuschauer nicht mehr wahrgenommen werden, der Protagonist wirkt dadurch unbeteiligt und am Thema wenig interessiert. Zusatz-Tipp: Glatzenträger bitten darum, eingepudert zu werden. Ein gutes TV-Team hilft dabei gerne.
  • Störende Glas- oder Metallobjekte, in denen sich der Interviewer spiegelt, sollten entfernt werden – das hätte aber eigentlich auch dem Kamera-Mann/der Kamera-Frau selbst auffallen müssen. Typischer TV-Fehler.
  • Auf dem Schreibtisch ist kein PC zu sehen, dafür sehr viel ausgebreitetes Papier. Arbeitet der Stellvertretende Landrat wirklich noch im Aktenmappen-Zeitalter? Beim Zuschauer entsteht der Eindruck, hier einen Internet-Ausdrucker zu sehen. (Hint: Auf der vom Petenten rechten Seite steht unsichtbar ein PC – das zeigen zumindest andere Presse-Aufnahmen des Schreibtischs aus der Lokalzeitung).
  • Dunkle Farben, die das mausgraue Ambiente einer Amtsstube unterstreichen, sollten bei der Anzugwahl vermieden werden. Sie sollten sich vom Bürogewächs (typischerweise ein Ficus) abheben.
  • Freundliche Bilder im Hintergrund peppen die Szenerie auf. Mancher Interview-Partner hat auf seinem Schreibtisch ein Foto der Angehörigen. Das signalisiert dem Zuschauer: Hier spricht ein Mensch wie Du und ich.
  • Auf dem Tisch sollten keine geöffneten Akten liegen. Viele TV-Teams filmen bereits heute in hoher HD-Auflösung, Kameras in 4K-Auflösung sind in Vorbereitung – damit kann dann später auch der Zuschauer jedes noch so klein gedruckte Wort auf dem Schreibtisch lesen, entsprechende Lupen- oder Texterkennungsfunktion vorausgesetzt. Und wer möchte schon, dass vertrauliche Akten im Fernsehen zu lesen sind?
  • Und ganz wichtig: Zur Abwehr oder als Geste der Untätigkeit gefaltete Hände sollten im Gespräch vermieden werden.

Zugegeben: Das Vermeiden der oben genannten Fehler hätte den Tenor der extra-3-Geschichte nicht drehen können. Aber wer schwierige Interviews richtig plant und vorbereitet, kann zumindest aus einer großen Niederlage eine nicht ganz so große machen. Und wer jetzt sagt, solche Details sind für den ungeübten Betrachter egal, der möge sich mal die Berichterstattung über die Modellbahn von Horst Seehofer zu Gemüte führen, zum Beispiel hier: „Das Allerheiligste von Seehofer ist ziemlich … leblos“

Mein Tipp: Bei anstehenden TV-Terminen den Interview-Platz sowie eine gute Umgebung für Off-Szenen prüfen und auch mögliche Alternativen checken. Eigentlich wäre das der Job eines Pressesprechers oder einer Pressesprecherin des Kreises. Leider konnte ich auf der Website des Landkreises Spree-Neiße niemanden in dieser Funktion ermitteln. Vielleicht ist die Position gerade vakant.

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