Wie man als Premierminister keine Interviews geben sollte …

Ganz aktuell macht der Mitschnitt eines Interviews des schwedischen Fernsehsenders SVT mit dem isländischen Ministerpräsidenten Sigmundur David Gunnlaugsson Schlagzeilen. In diesem Interview befragt der schwedische TV-Journalist Sven Bergman den Premier zu den Folgen der Finanzkrise in Island, zur Steuerehrlichkeit isländischer Bürger und schließlich auch zu der von Gunnlaugsson und seiner Ehefrau Anna Sigurlaug Palsdottir 2007 erworbenen Offshore-Firma Wintris, deren Existenz im Zuge der Panama-Papers-Enthüllungen bekannt geworden war.

Panama Papers: Wenn Beteiligungen an Offshore-Firmen Regierungschefs einholen

Panama Papers: Wenn Beteiligungen an Offshore-Firmen Regierungschefs einholen (Quelle: ICIJ.org)

Unabhängig von der Frage nach Gunnlaugssons Steuerehrlichkeit ist das Gespräch vor allem ein bemerkenswertes und äußerst lehrreiches Beispiel für ein (seitens des Interviewten) schlecht vorbereitetes und noch schlechter beendetes Interview und lohnt daher die tiefere Analyse.

Das Interview beginnt in freundlicher Atmosphäre: Gunnlaugsson betritt den für das Interview vorbereiteten Raum, wird von Bergman freundlich begrüßt, man betreibt ein wenig Small talk – es folgt noch ein aufmunternder Schulternklopfer vom Interviewer für den Premier, dann beginnt die Kamera zu filmen. Bergman stellt zuerst ein paar einfache Fragen über böse Banker in der Finanzkrise – eine willkommene Vorlage für den Premier, der gerne auf das Thema einsteigt.

Freundschaftlicher Klaps vor Gesprächsbeginn - dann wird es hart

Freundschaftlicher Klaps vor Gesprächsbeginn – dann wird es hart (Quelle: ARD/Youtube)

Bergman lehnt sich entspannt zurück, gibt seinem Interviewpartner viel Raum und Zeit, über die Erfolge seiner Politik zu sprechen, wippt dabei nur gelegentlich mit dem Fuß und nickt zustimmend. Für einen investigativen Journalisten ungewöhnlich konziliant und milde fragt er schließlich nach wenigen Minuten: „Aber warum in der Vergangenheit graben? Wäre es für eine Gesellschaft, wie in diesem Fall Island, nicht besser, zu vergeben und einfach weiterzumachen?“

Den Interviewten mit freundlichen Fragen in Sicherheit wiegen - auch das gehört dazu. (Quelle: sueddeutsche.de)

Den Interviewten mit freundlichen Fragen in Sicherheit wiegen – auch das gehört dazu. (Quelle: sueddeutsche.de)

An dieser Stelle sollten bei einem erfahrenen Politiker und dessen Presse-Team spätestens die Alarmglocken schrillen. Warum stellt Bergman dem Ministerpräsidenten hier eine so merkwürdige Frage? Interessiert ihn die Vergangenheit gar nicht, zu der er den Politiker gerade befragt? Oder will er ihm Gelegenheit geben, hierauf staatsmännisch und versöhnend zu antworten? Aber solche Fragen sind eher in Gefälligkeits-Interviews zu erwarten. Hört man sie von einem Polit-Journalisten, verfolgt dieser sicher eine ganz andere Agenda oder will den Interviewten wohl nur scheinbar in Sicherheit wiegen.

Und richtig: Bergman schlägt mit den dann folgenden Fragen einen Bogen zum Thema Steuerehrlichkeit der Schweden und Isländer im Allgemeinen um schließlich die Falle zuschnappen zu lassen. Bei Minute 6:30 geht er Gunnlaugsson erstmals direkt an: „Haben Sie oder hatten Sie selbst irgendeine Verbindung zu einer Offshore-Firma.“ Geschickt lässt er offen, was er selbst über dieses Thema bereits weiß. So zwingt er Gunnlaugsson zum ersten Mal in die Defensive. Weil dieser nicht weiß, was Bergman bereits bekannt ist, antwortet er leichtsinnig mit „Nein“ um dann zu relativieren, dass er zwar mit Firmen zusammengearbeitet habe, die wiederum Verbindungen zu Offshore-Firmen gehabt hätten. Das aber hätten in Island sogar Gewerkschaften so gemacht. Darüber hinaus habe er sein Einkommen immer versteuert und eine solche Frage an einen isländischen Politiker sei auch ungewöhnlich.

Die Körpersprache verrät es - der Premier wäre jetzt gerne an einem anderen Ort.

Die Körpersprache verrät es – der Premier wäre jetzt gerne an einem anderen Ort.  (Quelle: sueddeutsche.de)

Bergman wechselt nur scheinbar zurück in die Defensive: „Entschuldigen Sie, wenn ich unhöflich war. Das wollte ich nicht“, wiederholt dann aber seine zuvor gestellte Frage nur noch einmal mit anderen Worten. Kaum hat Gunnlaugsson darauf geantwortet – seine in der Totalen gezeigte Körpersprache offenbart bereits die innere Anspannung – folgt die nächste Attacke: „Was können Sie mir über die Firma Wintris sagen?“ Wieder eine offen formulierte Frage, die bewusst nicht erkennen lässt, über welches Detailwissen der Journalist bereits verfügt. Sichtbar ringt Gunnlaugsson mit den Worten, stammelt etwas von einem Konto und beklagt sich dann erneut, dass die Fragen des Journalisten den Eindruck erweckten, er würde Steuern hinterziehen, was er nicht täte.  Bergman beantwortet dies mit der klassischen Journalisten-Replik, auf die noch kein Politiker eine passende Antwort gefunden hat: „Aber es muss mir als Journalist doch erlaubt sein, Fragen zu stellen.“

In dem Moment setzt sich überraschend für den Premier als zweiter Interviewer der isländische Journalist Jóhannes Kr. Kristjánsson neben Bergman. Bergman erklärt, dass er seinen Kollegen nun bitten wolle, das Interview auf isländisch weiterzuführen, weil er selbst „die Details nicht kenne“ (sic!).

Gunnlaugsson versucht kurz, aus dieser für ihn unerwarteten Situation auszubrechen, indem er von Kristjánsson verlangt, einen gesonderten Interview-Termin zu vereinbaren. Das bügelt dieser harsch ab mit einer Mischung aus Imperativ und Suggestivfrage: „Wir interviewen Sie jetzt. Sie sind der Premierminister dieses Landes?“  Gunnlaugsson sinkt zurück auf seinen Stuhl. Kristjánsson braucht ab diesem Moment gerade noch 59 Sekunden um den Ministerpräsidenten mit weiteren Detailfragen so in die Enge zu treiben, dass dieser aufsteht und sich zum Gehen wendet. Kristjánsson bleibt ungerührt sitzen, stellt weitere Fragen, Gunnlaugsson versucht noch einmal sich zu rechtfertigen und geht dann schließlich aus dem Zimmer. Nur scheinbar versucht Bergman noch, den Premier zum Bleiben zu bewegen („Mit allem gebotenem Respekt Herr Premierminister. Es muss erlaubt sein, diese Fragen zu stellen“). Ende einer Sternstunde des investigativen Journalismus.

Dienstanweisung für einen Premierminister: Sitzenbleiben für die Presse.

Dienstanweisung für einen Premierminister: Sitzenbleiben für die Presse.

(Quelle: sueddeutsche.de)

Was kann man aus diesem Interview lernen? Viel!

Zuerst einmal: Bergman ist ein in Schweden bekannter und vielfach ausgezeichneter Journalist. 2007 wurde er für seine Nachforschungen zur Saab-Gripen-Affäre mit dem „Stora journalistpriset“ geehrt. 2013 erhielt er für seine Berichterstattung über die Telia-Sonera-Affäre in Usbekistan den Guldspaden-Preis für investigativen Journalismus.

Ein Blick in Bergmans Vita, etwa in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, hätte dem Büro des Ministerpräsidenten also bereits im Vorfeld zeigen können, dass hier eher kein freundliches Geplänkel zu Islands Fortschritten bei der Überwindung der Finanzkrise zu erwarten war, sondern Bergman sehr kritische Fragen stellen würde. War Gunnlaugsson von seinen Mitarbeitern entsprechend gebrieft? Seine Antworten wirken nicht so.

Bei einem vorab vereinbarten TV-Gespräch ist immer davon auszugehen, dass der Interviewer eine vorbereitete Agenda hat und einem roten Faden folgen wird, bei dem einzelne Themen aufeinander aufgebaut sind – oft so, dass sich dieser Aufbau für den Interviewten erst im Nachhinein erschließt. Journalismus arbeitet traditionell auch mit Überraschungsmomenten und (für den Interviewten) Unvorhersehbarem. Jeder, der sich auf ein TV-Interview einlässt, sollte dies beachten.

Im Zeitalter der stets griffbereiten Fernbedienung und der zunehmenden Online-Konkurrenz müssen TV-Journalisten zu jeder Zeit um die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer kämpfen. Beginnt ein Interview trotzdem mit eher freundlichen und aus Zuschauer-Sicht langweiligen Fragen, dient dies entweder dazu das Eis zwischen beiden Gesprächspartnern zu brechen (was hauptsächlich bei noch unerfahrenen Interview-Partnern gemacht wird) oder der Interviewte soll in Sicherheit gewogen werden.

Freundliche Einstiegsfragen waren hier also der sichere Hinweis, dass umso härtere Fragen folgen mussten. Auch Bergmans ungewöhnliche Einlassung („Aber warum in der Vergangenheit graben?“) wird im Rückblick als Falle erkennbar. Hätte Gunnlaugsson hier etwa eine Amnestie für Steuersünder gefordert, hätte Bergman ihn bereits an dieser Stelle direkt mit seinen Offshore-Verbindungen konfrontiert und gefragt, ob er diese Forderung etwa im eigenen Interesse aufstelle. Da Gunnlaugsson zumindest in diese Falle nicht tappte, drehte das Gespräch noch eine Schleife, bevor Bergman dann aber doch zum Angriff überging.

Interessant ist, dass offenbar keine Mitarbeiter des Premierministers im Raum waren, die das Gespräch spätestens in dem Moment hätten beenden können, als mit Jóhannes Kr. Kristjánsson plötzlich und angekündigt ein weiterer Fragesteller auftrat und damit gegen übliche Regeln eines politischen Interviews verstieß. Der Abbruch eines unglücklich verlaufenden Interviews durch den Interviewten selbst ist immer die schlechteste Lösung. Verlässt er gar den Raum wie im vorliegenden Fall, wird dies vom Zuschauer meist als Schuldeingeständnis gewertet und gibt den zurückbleibenden Journalisten die Deutungshoheit über die Situation.

Zudem zeigte sich schnell ein weiteres Problem Gunnlaugssons. Er gab das Interview auf Englisch, obwohl er in dieser Sprache unter Stress sehr unsicher wird. Das Ausformulieren von Antworten auf kritische Fragen und deren anschließende holperige Übersetzung ins Englische kosteten ihn unnötig Redezeit, ihm fehlte so das Tempo für schnelle Repliken. (Möglicherweise holte ihn hier seine Vergangenheit ein, denn in Island war es 2011 Thema, dass  Gunnlaugsson fünf Jahre lang im englischen Oxford studiert hat, ohne einen Abschluss vorzuweisen.)

Wieder einmal zeigt sich, dass Interviews sorgfältig geplant und idealerweise in der eigenen Sprache und auf heimischem Territorium – begleitet von aufmerksamen Mitarbeiter – geführt werden sollten. Nur so behält der Interviewte die Kontrolle über den Gesprächsverlauf und kann bei unliebsamen Überraschungen reagieren. Dabei spielen auch scheinbare Marginalien eine Rolle: Ein körperlich sehr präsenter Interviewter, der auf einem zu kleinen Stuhl ohne Armlehnen sitzen muss, auf dem er eingezwängt wirkt und seine Hände nicht ablegen kann – eine schlechte Ausleuchtung der Szene, das Filmen aus der Totale in einem unzureichend aufgebauten Setting – all dies wäre einem Profi aufgefallen, denn hier schlägt das alles klar zum Nachteil Gunnlaugsson durch und wäre im Vorfeld leicht vermeidbar gewesen.

Vor allem aber: Ein Premier, der sich von einem plötzlich auftauchenden Co-Interviewer zum Sitzenbleiben verdonnern lässt, ist auch in der ebenso reichen wie abwechslungsreichen Geschichte des politischen Interviews ein Unikat. Und Zeichen für schlechte Arbeit auf der einen Seite – und gute auf der anderen.

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