Die unterschätzte „Zwei“ – über die tödlichste Zahl der Welt

In seinem Beitrag „Warum Pferde am liebsten Mädchen beißen“ geht Thomas Petersen vom Allensbacher Institut für Demoskopie auf sogenannte statistische Scheinkorrelationen ein. Das sind voneinander unabhängige Ereignisse, die bei oberflächlicher Betrachtung den Eindruck erwecken, sie seien miteinander korreliert. Besonders gerne werden aus Scheinkorrelationen falsche Schlüsse gezogen, wenn sich zum Beispiel Zeitreihen aufgrund ganz normaler Zufallsschwankungen optisch leicht ähneln. Ein beliebtes und bekanntes Beispiel hierfür ist die zeitgleiche Zunahme der Storchenpopulation und der Geburtenrate in manchen Teilen Deutschlands, die keineswegs statistisch belegt, dass Klapperstörche Kinder bringen.

Pferde beißen am liebsten kleine Mädchen - oder?  Quelle: Wiki Commons.

Pferde beißen am liebsten kleine Mädchen – oder?                   Quelle: Wiki Commons.

Erschienen ist Petersens Beitrag in der Wirtschafts Woche Online – und dort gehört der Beitrag auch hin, denn kaum irgendwo sonst wird so viel mit Scheinkorrelationen und irreführenden Statistiken geschludert wie in den Medien. Leider besteht wenig Hoffnung, dass allzu viele Journalisten den Beitrag lesen. Und noch weniger Hoffnung besteht, dass sie ihn lesen und beherzigen. Das ist der Grund, warum ich meine Kunden regelmäßig vor der gefährlichen Zahl Zwei warne. Die Zwei ist übrigens die neue Drei. Und die Drei ist deswegen nicht ungefährlich geworden. Doch der Reihe nach:

Zu den weltbewegenden Ereignissen des Jahres 2014 gehörten der Verschwinden des Malaysia-Airlines-Fluges MH 370 über dem Indischen Ozean und der Abschuss eines weiteren Malaysia-Airlines-Flugzeuges (MH 17) über der Westukraine, mutmaßlich durch pro-russische Rebellen. 537 Menschen kamen bei diesen beiden Flugzeugunglücken ums Leben. Beide Ereignisse waren einzigartig und tragisch. Schon lange war kein großes Verkehrsflugzeug so unerklärlich und bis dato unauffindbar von den Radarschirmen verschwunden wie Flug MH 370. Und Flug MH 17 ist eines von nur etwa 20 bis 30 Zivilflugzeugen (die Zahlen schwanken aus nachvollziehbaren Gründen), die von Militärs oder Rebellen weltweit abgeschossen wurden. Beide Ereignisse zusammen ließen bei vielen Menschen weltweit berechtigte Zweifel daran aufkommen, dass bei Malaysia Airlines das Thema Sicherheit an erster Stelle steht.

Ihren nächsten Absturz erlebte die Fluggesellschaft folgerichtig – und zum Glück nur virtuell – auf der Liste der gefährlichsten Airlines weltweit. Im Jacdec Safety Index, der neben Abstürzen und anderen Unfällen auch die Sicherheitsstandards, das Alter der Flugzeuge einer Airline und weitere Parameter berücksichtigt, liegt Malaysia Airlines für das Jahr 2014 auf einem wenig ehrenvollen 57. Platz. Entsprechend leer waren in der Folgezeit viele Flüge der Airline und ihr Aktienkurs fiel zeitweise auf 8 Cent. Die bereits vorher defizitäre Fluggesellschaft wurde daher Mitte 2015 abgewickelt. Allen 20.000 Mitarbeitern wurde gekündigt, 14.000 von ihnen wurde eine neue Stelle beim Nachfolge-Carrier Malaysia Airlines Berhad angeboten, der zum 1. September 2015 den Betrieb aufnimmt.

So richtig es erscheint, dass Medien auf Gefahren bei Fluggesellschaften aufmerksam machen und so dazu beitragen, dass unsichere Gesellschaften vom Markt verschwinden und ihre Marktanteile an sichere Wettbewerber abgeben, so sehr hat diese scheinbar richtige Entwicklung einen Schönheitsfehler.

Es gibt nämlich noch drei Airlines, die auf dem Jacdac-Index unter Malaysia Airlines stehen. Es handelt sich hierbei um Air India, China Airlines und den Billigflieger Lion Air mit zusammen rund 65 Millionen Passagieren im Jahr. Doch während Malaysia nach seinen Unfällen von vielen Passagieren gemieden wird, verzeichnet insbesondere das Sicherheits-Schlusslicht Lion Air aus dem benachbarten Indonesien ein gewaltiges Wachstum, was es sicher auch vielen ehemaligen Kunden von Malaysia zu verdanken haben dürfte. Malaysia hatte übrigens bis zum Unglücksjahr 2014 im Mittelfeld der Carrier gelegen, während Air India und China Airlines auch 2012 und 2013 schon schlecht gerankt waren. Verrückt, oder?

Schauen wir uns die Zahlen einmal genauer an: Malaysia Airlines beförderte im Jahr 2014 rund 15 Millionen Passagiere. Die Besatzungen mitgezählt, gab es bei MH 17 und MH 370 zusammen 537 Tote. Das Risiko, sein Ziel als Passagier nicht zu erreichen, sondern vorher abzustürzen, lag somit bei 1:28.000. Jeder, der sich diese Zahl vor Augen führt, wird vermutlich gerne ein paar Dollar extra investieren, um zu einem sichereren Wettbewerber umzubuchen. Nur dumm, wenn dieser objektiv gefährlicher ist, aber seine Risiken in den Medien weniger präsent sind.

Flugzeug von Malaysia Airlines - nicht das Unfallflugzeug! Quelle: Wiki Commons.

Flugzeug von Malaysia Airlines – nicht das Unfallflugzeug!            Quelle: Wiki Commons.

Schauen wir noch weiter auf Zahlen: Mediziner haben errechnet, dass Auslandsreisen in Entwicklungsländer (wozu formal übrigens auch die beliebten Desinationen Türkei, Ägypten und Tunesien gehören), für jeden hunderttausendsten Reisenden tödlich enden. Nicht durch einen Flugzeugabsturz, sondern durch Herz- oder Kreislaufversagen, Reisekrankheiten oder eine nicht rechtzeitig erkannte Tollwut oder Cholera-Infektion. Anders ausgedrückt: Drei Urlaube in Südamerika oder Nordafrika sind ähnlich tödlich wie ein Flug mit Malaysia Airlines. Leider sind Flugzeuge-Abstürze ein beliebter Medienaufmacher, tödliche Erkrankungen in Entwicklungsländern allenfalls für die Apothekenumschau interessant. Wer will sich schon gerne die Urlaubsfreude vermiesen lassen? Und so kommt es, dass die Strandbars in Havanna voll und die Sitze bei Malaysia Airlines leer sind.

Wer kann schon sagen, ob zwei Ereignisse eine Serie sind - und wer will es überhaupt so genau überprüfen?

Wer kann schon sagen, ob zwei Ereignisse eine Serie sind – und wer will es überhaupt so genau überprüfen?

Zurück zur Zahl Zwei. Eingangs schrieb ich, dass sie für Organisationen gefährlich sein kann – aus dem einfachen Grund, dass Medien gerne – entgegen jeder statistischen Sorgfalt – aus zwei Einzelereignissen eine fatale Serie machen, sofern diese Ereignisse nur auffällig genug sind. Hundert Tote Urlauber durch Kreislaufversagen hingegen sind kein Thema, da sie eher unauffällig und einzeln sterben. Ein Kollege berichtete mir einst von einem Freund im Auswärtigen Dienst, der in einem abgelegenen arabischen Reiseland in einem noch abgelegeneren Außenposten die Zeit totschlug. Seine wichtigste Aufgabe in der Sommerzeit war es, für gelegentlich durch sein Gastland reisende ältere Deutsche Zinksärge zu besorgen, wenn diese ihre eigene Gesundheit über- und die sommerlichen Tagestemperaturen in diesem unwirtlichen Land unterschätzt hatten und infolgedessen bei einem Wüstensafari ihre unfreiwillig letzte Reise fern der Heimat angetreten hatten.

Entwicklungsländer - als Reiseziele tödlicher als gedacht.     Quelle: Omnia.

Entwicklungsländer – als Reiseziele tödlicher als gedacht. Quelle: Omnia.

Das Dilemma der Zahl Zwei ist es, dass Journalisten nicht zwischen dem Beginn einer Serie (der sich statistisch bei gerade einmal zwei Ereignissen ohnehin kaum abschätzen lässt) und nur scheinbar ähnlichen Zufallsereignissen unterscheiden können. Und sie wollen es auch gar nicht. Das hat einen einfachen Grund: Denn der erste Journalist, der über schwere, lebensgefährliche Versäumnisse bei einem Reiseveranstalter, einem Nahrungsmittelkonzern, einer öffentlichen Institution oder gleich einer ganzen Branche berichtet, hat einen Scoop gelandet. Der erste Journalist, der alle Zahlen sorgfältig prüft und erst dann berichtet, wenn ihm sichere Fakten vorliegen, ist somit auch der letzte Journalist, der überhaupt über das Thema berichtet – hingegen der erste, der beim nächsten Stellenabbau in seiner Redaktion den Hut nehmen darf. Das Risiko eines Risiko-Irrtums ist für Journalisten demgegenüber marginal. Schlimmstenfalls wurde ein bisschen Porzellan zerschlagen und ein paar Kunden sind verunsichert zur Konkurrenz abgewandert. Solange man sie dazu nicht im Artikel konkret aufgefordert hat, ist das alles von der Pressefreiheit gedeckt. Dummerweise sind die Kunden dann vielleicht von Malaysia Airlines zu Air India, China Air oder Lion Air gewechselt. Das erklärt auch, warum Journalisten nicht mehr drei Ereignisse oder Unfälle abwarten, sondern schon beim zweiten Mal über eine Serie spekulieren. Zwei ist das neue Drei.

Zurück zur Unlogik der magischen Zwei: Wer nicht glaubt, dass Journalisten gerne auf Zweier-Serien hereinfallen, kann ja mal eine Such-Maschine anwerfen. Ich habe es getan. Ein paar Beispiele (mehr als zwei!): Im August berichtete der NDR über zwei Brände in Hamburger Hochbunkern und einen Runden Tisch der zuständigen Behörden, der sich dieses Themas annehmen soll. Sogar vom verbesserten „Schutz der Bevölkerung“ ist die Rede, ganz so als gäbe es ein sonderliches Problem mit regelmäßig brennenden Bunkern. Möglicherweise täte die Behörde gut daran, in dieser Zeit lieber über den Brandschutz in wirklich wichtigen Gebäuden nachzudenken, zum Beispiel Schulen oder Altenheimen. In der Schule, die ich damals besuchte, war für einige Zeit der Feueralarm defekt. Störte aber niemanden.

Das alles erinnert an die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als viele US-Amerikaner aus Angst vor weiteren Anschlägen vom Verkehrsmittel Flugzeug auf den PKW umstiegen und damit die Unfallzahlen im Straßenverkehr merklich nach oben trieben. Nach einer Erhebung des Berliner Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung  starben so rund 1.600 Amerikaner aus Angst vor dem Fliegen: mehr Menschen als in den von Terroristen zum Absturz gebrachten Flugzeugen saßen. Überhaupt sterben nur sehr wenige Amerikaner durch Anschläge – viel weniger, als etwa durch ihre eigene Schusswaffe. Aber das ist ein anderes Thema.

Bundeswehr - Pannenserie mit Helm und Gewehr.            Quelle: Wiki Commons.

Bundeswehr – Pannenserie mit Helm und Gewehr. Quelle: Wiki Commons.

Im Mai 2015 berichtete die Frankfurter Rundschau über eine „Pannenserie“ (sic!) bei der Bundeswehr: Erst hatte es Streit mit dem Hersteller um die Spezifikationen des Standardgewehres G36 gegeben, anschließend war aufgefallen, dass bei einigen Bundeswehr-Helmen eine Befestigungsschraube gewechselt werden muss, da diese nicht ausreichend splitterfest ist. Zwei Ereignisse – eine Serie!

2014 traf es den Rückversicherer Swiss Re. Zwei von 12.000 Mitarbeiter hatten innerhalb eines Vierteljahres Selbstmord begangen, das klang nach überarbeiteten Managern oder Mitwissern dunkler Bankengeheimnisse, die keinen Ausweg aus ihrer Situation mehr gewusst hatten: So sah es wohl auch das Handelsblatt und spekulierte über „ungeklärte Umstände“. Später musste die Zeitung zurückrudern: Einer von beiden Toten, der angebliche Kommunikationschef des Konzerns war „nur“ ein subalterner Mitarbeiter gewesen. Und vielleicht hatte ja auch zwischenzeitlich ein Zahlenkundiger dem Handelsblatt gesteckt, dass eine Suizidrate von 2 auf 10.000 ohnehin nur knapp über dem Schweizer Landesdurchschnitt liegt, mithin allein noch keine Auffälligkeit darstellt.

Auch die Autoindustrie ist immer wieder Gegenstand von „Pannenserie“-Berichten mit nur zwei Ereignissen. Das liegt daran, dass etwa bei Rückrufaktionen immer gleich mehrere zig- oder hunderttausend Autos in die Werkstätten einbestellt werden, selbst dann, wenn es nur um einen (Serien)fehler geht. Wie schön, dass den Medien so der Stoff für Pannenserien nie ausgeht. Es lebe die Zahl Zwei.

Ein Gedanke zu „Die unterschätzte „Zwei“ – über die tödlichste Zahl der Welt

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