Lynchjustiz im Internet – wenn die Ebay-Bewertung zur Überlebensversicherung wird

45 Jahre ist es her, dass Wolfgang Menge mit seiner TV-Dystopie „Das Millionenspiel“ der bundesdeutschen Pantoffelkino-Gemeinde einen wohligen Schauer des Gruselns über den Rücken jagte. Die Handlung der fiktiven Geschichte: Bernhard Lotz, Kandidat in einer Fernsehshow, muss sich eine Woche lang vor Auftragskillern verstecken, die von einem Fernsehsender auf ihn angesetzt sind. Gelingt ihm dies, gewinnt er eine Million. Schafft er es nicht, verliert er sein Leben. Der Kandidat kann zwar zu jeder Zeit aussteigen, muss dann aber mit totaler gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Die Zuschauer verfolgen das Spektakel aufmerksam und werden dabei selbst zum Teil der Fernsehshow. Sie entscheiden mit, ob sie dem Verfolgten auf der Flucht helfen, oder ihn an seine Häscher ausliefern.

Dystopie Millionenspiel – für eine Million von der Meute gehetzt

45 Jahre später ist die Geschichte vom Mob, der über Leben oder Tod eines Einzelnen entscheidet, aktueller denn je. Lynchjustiz, lange Zeit für ein überkommenes und längst ausgestorbenes Relikt des Wilden Westens gehalten, ist heute aktueller denn je – möglich gemacht ausgerechnet durch ein digitales Medium, das von seiner Idee her den Menschen auch vor staatlicher Verfolgung schützen und Freiheitsrechte garantieren sollte: dem Internet.

So berichtet die FAZ über mehrere Todesfälle in China: In der südchinesischen Stadt Donghai wurde eine Kundin von einer Ladenbesitzerin im Kurznachrichtenkanal Weibo des Diebstahls bezichtigt. Eine Überwachungskamera hatte aufgezeichnet, wie die junge Frau ihr Geschäft verließ – möglicherweise ohne für einzelne Kleidungsstücke zu zahlen. Genau zu erkennen war das nicht. Die Aufforderung der Ladeninhaberin war dennoch deutlich: „Sucht Ihr Menschenfleisch.“ Dank des Überwachungsfotos konnte die Verdächtige schnell von anderen Weibo-Nutzern identifiziert werden. In wenigen Stunden hatte der Mob Name, Anschrift und Handy-Nummer herausgefunden und eine Kopie ihres Personalausweises veröffentlicht: Sie hieß Xu Anqi und war 18 Jahre alt. Hunderttausende beschimpften sie via Weibo als Volksschädling, der Hass kannte keine Grenzen. Dem Sturm hielt Xu nicht lange stand. Noch am selben Tag beging sie Selbstmord.

Amanda Todd: Von Mitschülern in den Selbstmord getrieben.

Amanda Todd: Von Mitschülern in den Selbstmord getrieben.

Dem sozialen Hass in den sozialen Netzwerken können sich nur wenige Menschen entziehen. 2012 machte der Fall des kanadischen Teenagers Amanda Todd traurige Schlagzeilen. Die Schülerin hatte freizügige Bilder von sich herausgegeben – als diese im Internet auftauchten, wurde sie von Mitschülern gemobbt. Sie wechselte zweimal die Schule, dann auch die Stadt, doch ihre Verfolger blieben hartnäckig und fanden sie erneut. Ihr zweiter Selbstmordversuch, beim ersten hatte sie ein Bleichmittel geschluckt, war schließlich erfolgreich. In einem zuvor veröffentlichten Video beschrieb sie die Ausweglosigkeit ihrer Situation.

In den USA geht aktuell die Geschichte des Zahnarztes und Hobby-Jägers Walter Palmer viral durch die Sozialen Netzwerke. Der hatte Anfang Juli in Simbabwe den beliebten Löwen Cecil mit Pfeil und Bogen angeschossen und nach 40 qualvollen Stunden getötet. Es gibt Hinweise, dass er zuvor Einheimische bestochen hatte, den Löwen aus einem jagdgeschützten Nationalpark herauszulocken. Palmer war bereits 2008 wegen eines Jagdfrevels in Wisconsin zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Jäger wurde zum Gejagten: Hassobjekt nach Löwenjagd (Quelle: BBC)

Jäger wurde zum Gejagten: Hassobjekt nach Löwenjagd (Quelle: BBC).

Schon bald brach im Internet ein Shitstorm gegen den Zahnarzt aus. Seine Praxis in Minnesota musste geschlossen werden, auf Facebook bildeten sich zahlreiche Gruppen, die Fotos, Telefonnummern und andere Informationen über ihn veröffentlichten. Ein deutscher Nutzer erklärte, dass er „schöne Foltermethoden für den dreckigen Bastard“ kenne. Andere schlugen vor, ein Fundraising aufzusetzen, um Kopfgeld für die Ermordung Palmers zu sammeln – eine ernstzunehmende Drohung in einem Land mit 270 Millionen registrierten Schusswaffen in Privatbesitz.

Immer wieder sorgen Fotos von wohlhabenden westlichen Jagdtouristen, die in Afrika für viel Geld Jagdlizenzen erwerben, für Empörung. Als in Spanien bekannt wurde, dass der damalige König Juan Carlos in Botswana auf Elefanten-Jagd gewesen war, sank sein Ansehen in der Bevölkerung rapide. Immerhin musste er nicht selbst um sein Leben fürchten. 2014 berichtete der Spiegel über einen Spitzenbeamten ausgerechnet aus dem Thüringischen Umweltministerium, der – ebenfalls in Botswana – einen Elefanten mit 20 Schüssen hingerichtet haben soll.

Ob ein Mensch für vermeintliche oder tatsächlich begangene Verbrechen verfolgt und bestraft wird, darüber entscheiden oft nur Kleinigkeiten. Die Internetgemeinde ist erstaunlich kreativ, wenn es um das Erstellen eines Opferprofils für digitale Verfolgungsjagden geht: Als in China eine junge Frau wegen eines gefährlichen Fahrmanövers im Straßenverkehr von einem von ihr abgedrängten Autofahrer krankenhausreif geschlagen wurde, veröffentlichten wohl auch Polizisten anonym Informationen über sie. Bald war bekannt, wo sie wohnte und in welchen Hotels sie zuletzt abgestiegen war. Als unverheiratete 28jährige war sie nach chinesischer Lesart ohnehin eines unsoliden Lebenswandels verdächtig.

Im Zeit-Magazin mahnt Steffen Jan Seibel, dass wir in der heutigen Share Economy nicht mehr nur zu Nutzern werden, sondern auch zu Bewerteten. Wohnungsbesitzer bewerten ihre Gäste bei AirBnB, Trödelverkäufer ihre Kunden bei Ebay und amerikanische Frauen ihre Ex-Partner im Bewertungsportal Lulu. Was die wenigsten bedenken: Solche aus Fragmenten zusammengetragenen Momentaufnahmen unserer Persönlichkeit entscheiden nicht nur über Jobchancen im nächsten Bewertungsgespräch und darüber, ob wir im nächsten Urlaub wieder eine freundlich angebotene Couch am Ende der Welt finden, sondern können auch den nächsten Shitstorm gegen uns befeuern.

Die Welt berichtet über eine Studie der italienischen Psychologin Tessa Marzi von der Universität Florenz. Marzi hatte untersucht, wie schnell unser Gehirn bereits beim ersten Kontakt unumstößliche Urteile über andere Menschen bildet – ein evolutionäres Erbe aus Zeiten, als Vertrauen oder Misstrauen gegenüber Unbekannten auch über das eigene Überleben entscheiden konnte. Verantwortlich hierfür sind die Amygdalae, ein paariges Kerngebiet tief im Inneren unseres Gehirns. Es entscheidet in Sekundenbruchteilen darüber, ob wir den neuen Freund der besten Freundin nett oder arrogant finden, ehrlich oder unehrlich – abhängig davon, wie der erste Blick, der erste Händedruck, die ersten ausgetauschten Worte aufgenommen werden. Auch Furcht und Aggression entstehen in diesem Gehirnbereich: Die emotionalen Quellgebiete für Xenophobie, Shitstorm und Mobbing liegen hier bemerkenswert dicht beieinander und werden von erlerntem Sozialverhalten und Vernunft oft nur mühsam in Schach gehalten.

Im Englischen gibt es hierzu das mahnende Sprichwort: „there is no second chance for a first impression“. Doch da wir anderen Menschen im Internet nicht persönlich begegnen, sucht sich unser Gehirn andere Kriterien für die erste und meist auch letzte Bewertung einer Person: Das kann ein dummer Kommentar bei Facebook sein oder auch ein leichter Regelverstoß, der über soziale Medien schnell aufgebauscht wird.

Fatal tritt hierbei eine weitere menschliche Schwäche zutage: Wir vertragen Ungewissheit und Unsicherheit nur schlecht – auch in Bezug auf andere Menschen. Mit dem Gedanken, dass ein Fremder schuldig oder unschuldig, liebens- oder verachtenswert ist, können wir leben, mit der Vorstellung, dass wir die Handlung eines Menschen mangels belastbarer Fakten und Hintergründe nicht bewerten können, hingegen nur schlecht. Das erklärt auch, warum wir so schlecht mit Freisprüchen aus Mangel an Beweisen umgehen können und die Akzeptanz der Bevölkerung für langwierige Gerichtsverfahren so gering ist. Nicht die sorgfältige Arbeit des Gerichtes wird geschätzt, sondern die Langsamkeit des Verfahrens verachtet. Eine milde Strafe unter Abwägung aller Beweismittel sowieso. Der Internet-Mob hat sich da meist wesentlich schneller ein Urteil gebildet – in der Regel lebenslänglich und ohne Chance auf Resozialisierung oder Neubewertung. Denn letztere impliziert ja auch, sich im eigenen Urteil geirrt zu haben.

Als Menschen bevorzugen wir intuitiv Vorurteile – und wo uns Fakten fehlen, interpretieren oder interpolieren wir: Wer ein Blitzer-Foto von sich auf Facebook veröffentlicht, dem trauen wir auch zu, die Partnerin zu betrügen oder seinen Arbeitgeber zu bestehlen. Wer die falsche Partei oder Musikrichtung bei Facebook liked, den halten wir systematisch für dümmer. Und wer dümmer ist, gilt nach landläufiger Ansicht auch eher als kriminell. Schon ist ein Urteil auf Basis weniger zufälliger Informationsfetzen gebildet. Und wir können uns dagegen nicht einmal wehren. Die Aufgabe „Bilde Dir kein Urteil über Person X“ ist für unser Gehirn ebenso unlösbar wie die Aufgabe „Stell Dir mal kein Haus mit einem roten Dach vor“.

Wie sich Wut und Hass, ausgelöst durch ein paar Informationsfetzen im Internet anfühlen, müssen immer mehr Menschen erfahren. Den meisten war zuvor nicht bewusst, wie sehr Momentaufnahmen, Nutzerbewertungen und scheinbar harmlose Infoschnipsel im Internet über ihr Schicksal entscheiden können.

Im Fernsehspiel von Wolfgang Menge übersteht der Kandidat Bernhard Lotz am Ende die Verfolgungsjagd und entkommt knapp seinen Häschern. Ob der Zahnarzt Walter Palmer ähnliches Glück haben wird, ist noch offen. Das Internet sollte mal über Verantwortung nachdenken.

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