Den Shitstorm richtig lesen

Anfang Juli veröffentlichte der Komiker Dieter Nuhr einen viel beachteten Griechenland-Witz auf seiner Facebook-Seite („Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“) und löste damit einen heftigen Shitstorm aus. Schnell wurden zahlreiche Medien und auch der ARD-Moderator Jan Böhmermann auf den Shitstorm aufmerksam. Kommentare Böhmermanns wurden allerdings zeitnah von Nuhrs Agentur wieder gelöscht. Dafür berichteten bald darauf BILD, Süddeutsche, Focus und Stern.de über Nuhrs Wortgefecht mit seinen Kritikern.

Gegen Griechenland-Referendum: Dieter Nuhr in der Kritik (Foto: Facebook).

Gegen Griechenland-Referendum: Dieter Nuhr in der Kritik (Foto: Facebook).

Im Interview mit der dpa äußerte sich nun der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen über diesen Shitstorm und empfiehlt, bei Web-Empörungswellen die Beleidigungen „wegzustreichen“ und stattdessen zu ergründen, „welches gesellschaftliche Thema dahinterstehe“. Pörksen verweist exemplarisch auf die #Aufschrei-Debatte und die wiederholten Shitstorms gegen den TV-Moderator Markus Lanz, die sich nach Pörksens Einschätzung an der Frage „Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien?“ entzündet hätten.

Auch für Unternehmen im Shitstorm hat Pörksen einen Rat für die Auswertung von Shitstorms: „Hier zeigen sich oft brisante, manchmal einfach berechtigte, in jedem Fall ökonomisch hochrelevante Wertkonzepte von Konsumenten und Kunden. Man will kein Greenwashing, man möchte keine Heuchelei, man ist gegen ungerechte Arbeitsbedingungen. Das alles mag dann scharf und übermäßig aggressiv formuliert sein.“

Auf widersprüchliche und teilweise unerfüllbare Forderungen vieler Shitstorms geht Pörksen hingegen nicht ein. Dabei sind es gerade die damit verbundenen Dilemmata, die die Zielgruppen von Empörungsstürmen oft ratlos zurücklassen. So sind bei Shitstorms geäußerte Kundenwünsche wirtschaftlich oft nicht darstellbar oder mitunter sogar völlig marktfern. Beispielsweise ist die immer wieder an die Deutsche Bahn adressierte Forderung nach mehr Pünktlichkeit zwar aus Kundensicht völlig nachvollziehbar, die für deren Umsetzung notwendige Redundanz von Technik und Personal aber ohne deutliche Erhöhung der Beförderungstarife nicht finanzierbar. – Das aber würde gleich den nächsten Shitstorm auslösen und bei Überschreiten des Sweet Spot für Fahrpreise auch zu erheblichen Einnahmerückgängen führen. Anders gesagt: Die Kunden fordern zu Recht eine pünktliche Bahn, sind aber mehrheitlich nicht bereit, dafür deutlich tiefer in die Tasche zu greifen. Mit einem solchen Shitstorm können Unternehmen naturgemäß nur schwer umgehen – und deren Social-Media-Mitarbeiter sind somit dazu verurteilt, die immer wieder gleichen Standardantworten zu geben, wo das Unabänderliche eben unabänderlich ist.

Mit einem ganz anderen Shitstorm und leichter auflösbaren Shitstorm musste sich der Schauspieler Til Schweiger auseinandersetzen und ging beherzt um Gegenangriff über: Nachdem er das Posten eines Zeitungsberichtes zu Flüchtlingen in Hamburg mit einem persönlichen Spendenaufruf verbunden hatte, hagelte es ausländerfeindliche Kommentare auf seiner Seite. Schweiger konterte genervt: „Oh Mann – ich hab’s befürchtet! Ihr seid zum Kotzen! Wirklich! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack! Mir wird schlecht!“. In der Folgezeit postete Schweiger Bilder von türkischen Freunden und Aufrufe zu mehr Toleranz auf seiner Seite.

Til Schweiger - zeigte Flagge gegen Ausländerfeindlichkeit

Til Schweiger – zeigte Flagge gegen Ausländerfeindlichkeit (Foto: Facebook).

Dafür bekam Schweiger viel Lob – insbesondere auch von Journalisten und Netz-Aktivisten, mit denen er aufgrund unüberbrückbarer Gegensätze in der Eigen- und Fremdbewertung seiner künstlerischen Fähigkeiten bisher eher in frostiger Abneigung verbunden ist.

Ähnlich wie Schweiger hatte sich jüngst auch der Terminator- und Gouverneurs-Darsteller Arnold Schwarzenegger verhalten. Als sich ein Fan wunderte, dass Schwarzenegger die Legalisierung der Homosexuellen-Ehe in den USA unterstützt („What’s wrong with U Arnie? I have to unlike…“), konterte „Arnie“ mit den knappen Worten: „Hasta la vista!“

Arnold Schwarzenegger: Unterstützte die Homo-Ehe und verwirrte Fan (Foto: Facebook).

Arnold Schwarzenegger: Unterstützte die Homo-Ehe und verwirrte Fan (Foto: Facebook).

Fazit: Nicht jeder Shitstorm lässt sich auflösen. Fast immer lohnt es, in den Sturm hineinzuhören. Und manchmal ist es gut, dem Mob etwas entgegenzusetzen und dabei Flagge zu zeigen – zum Beispiel gegen Ausländer- oder Schwulenhass. Auch wenn das mitunter ein Kampf gegen Windmühlen ist. Denn wie schrieb schon Friedrich Schiller in der Vorrede zu seinen Räubern „Der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond sich wandeln.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.