Lynchjustiz im Internet – wenn die Ebay-Bewertung zur Überlebensversicherung wird

45 Jahre ist es her, dass Wolfgang Menge mit seiner TV-Dystopie „Das Millionenspiel“ der bundesdeutschen Pantoffelkino-Gemeinde einen wohligen Schauer des Gruselns über den Rücken jagte. Die Handlung der fiktiven Geschichte: Bernhard Lotz, Kandidat in einer Fernsehshow, muss sich eine Woche lang vor Auftragskillern verstecken, die von einem Fernsehsender auf ihn angesetzt sind. Gelingt ihm dies, gewinnt er eine Million. Schafft er es nicht, verliert er sein Leben. Der Kandidat kann zwar zu jeder Zeit aussteigen, muss dann aber mit totaler gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Die Zuschauer verfolgen das Spektakel aufmerksam und werden dabei selbst zum Teil der Fernsehshow. Sie entscheiden mit, ob sie dem Verfolgten auf der Flucht helfen, oder ihn an seine Häscher ausliefern.

Dystopie Millionenspiel – für eine Million von der Meute gehetzt

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Den Shitstorm richtig lesen

Anfang Juli veröffentlichte der Komiker Dieter Nuhr einen viel beachteten Griechenland-Witz auf seiner Facebook-Seite („Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“) und löste damit einen heftigen Shitstorm aus. Schnell wurden zahlreiche Medien und auch der ARD-Moderator Jan Böhmermann auf den Shitstorm aufmerksam. Kommentare Böhmermanns wurden allerdings zeitnah von Nuhrs Agentur wieder gelöscht. Dafür berichteten bald darauf BILD, Süddeutsche, Focus und Stern.de über Nuhrs Wortgefecht mit seinen Kritikern.

Gegen Griechenland-Referendum: Dieter Nuhr in der Kritik (Foto: Facebook).

Gegen Griechenland-Referendum: Dieter Nuhr in der Kritik (Foto: Facebook).

Im Interview mit der dpa äußerte sich nun der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen über diesen Shitstorm und empfiehlt, bei Web-Empörungswellen die Beleidigungen „wegzustreichen“ und stattdessen zu ergründen, „welches gesellschaftliche Thema dahinterstehe“. Pörksen verweist exemplarisch auf die #Aufschrei-Debatte und die wiederholten Shitstorms gegen den TV-Moderator Markus Lanz, die sich nach Pörksens Einschätzung an der Frage „Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien?“ entzündet hätten.

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