Wie man sich am besten selbst lächerlich macht …

Vor einigen Wochen hatte ich hier im Blog einen Beitrag über einen Behörden-Pressesprecher verfasst, der durch sein Auftreten bei einem Interview seinem Arbeitgeber einen schlechten Dienst erwiesen hat. Die Aufgabe eines Pressesprechers ist es, auch unpopuläre Entscheidungen der Öffentlichkeit zu vermitteln und dabei Hintergründe zu erklären, damit andere Menschen diese Entscheidung besser einordnen und sich dann ein Urteil dazu bilden können.

Barack Obama im Gespräch: Der richtige Aufzug ist das halbe Interview. Quelle: Wiki Commons.

Muss auch manchmal unbequeme Interviews geben: US-Präsident Barack Obama. Quelle: Wiki Commons.

Das ist nicht immer einfach – insbesondere dann, wenn man diese Entscheidung in einem Satire-Beitrag vermitteln muss, der nur dazu gedacht ist, genau diese Entscheidung durch den Kakao zu ziehen. Meist ist der Beitrag schon in seinen Grundzügen vorformuliert, bevor man als Pressesprecher überhaupt Gelegenheit hat, die ersten Fakten darzulegen. Deshalb entscheiden sich manche Sprecher, bei Interview-Anfragen von Satire-Formaten gar nicht erst vor die Kamera zu treten. Wenn sie es doch tun, überlegen sie sich vorher ganz genau, was sie im Beitrag sagen und wie sie das tun. Jedenfalls sollte es so sein.

Vor genau dieser Herausforderung stand jüngst Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter der Abteilung Marketing und Kommunikation der Goethe-Universität Frankfurt, als er die unpopuläre Entscheidung seiner alma mater zu vertreten hatte, für die Benutzung des öffentlichen Paternosters in einem Hochschulgebäude einen Berechtigungsschein einzuführen – von Journalisten liebevoll „Paternoster-Führerschein“ genannt.

Zum Hintergrund: Der Paternoster im I.G.-Farbengebäude der Uni Frankfurt wird aus Gründen des Denkmalschutzes neben den dortigen Aufzügen parallel weiter betrieben. Praktisch veranlagte Menschen werden zurecht anmerken, dass ein solcher Paternoster sehr nützlich ist und sehr viele Menschen auf einmal transportieren kann. Ideal für den schnellen Transport großer Studentenmassen vom Hörsaal in die Mensa – und wieder zurück. Verfasser dieser Zeilen fährt selber gerne Paternoster.

Allerdings hatte es an der Uni Frankfurt durch unsachgemäße Benutzung mehrere Unfälle gegeben: Ein Handwerker hatte versucht, eine überstehende Leiter im Paternoster zu transportieren. Diese war am Ende seiner Fahrt zweigeteilt. Andere Nutzer hatten die Idee, ihre Bücherwagen im Paternoster mitzunehmen – mit entsprechenden Folgen. Und wer nun glaubt, dass sowas nur Handwerkern und Bibliotheksmitarbeitern passieren könne, und Studenten grundsätzlich zu intelligent seien, um sich in Paternostern zu verletzen, liest hier weiter (anderes Gebäude, aber auch Frankfurt).

Daraufhin war der Paternoster an der Uni Frankfurt erst komplett gesperrt und anschließend nur noch für Personen freigegeben worden, die zuvor einen Berechtigungsschein gelesen und unterschrieben hatten. Zwischenzeitlich ist der Benutzungsschein wieder abgeschafft worden. Nun darf wieder jeder an der Uni Frankfurt Paternoster fahren – vermutlich bis zum nächsten Unfall.

Die Idee, einen Berechtigungsschein einzuführen, klingt natürlich erst einmal lustig. Doch die traurige Wahrheit ist, dass man seine Mitmenschen manchmal auf Gefahren hinweisen muss, die man eigentlich für ziemlich offensichtlich hält. Zum Beispiel darauf, dass man mit einem aufgesetzten Rücksack bei einer Paternosterfahrt an einer Geschossdecke hängen bleiben und sich so selbst erdrosseln kann. Nicht jeder Mensch kommt darauf von selbst. Solche Belehrungen sind unbeliebt, wirken bevormundend und bringen einigen Verwaltungsaufwand mit sich. Sie sind im Zweifel aber billiger als ein Krankenhausaufenthalt – und weniger schmerzhaft. Das sehen auch Versicherungen so und verlangen die Einführung von solchen Berechtigungsscheinen – mit dem Hinweis, dass sonst bei Unfällen der Versicherungsschutz erlischt.

Verfasser dieser Zeilen hat selbst auf Verlangen einer Berufsgenossenschaft vor vielen Jahren einen „Kettensägen-Führerschein“ ablegen müssen und gibt ganz selbstkritisch zu, bei dieser Schulung viele neue Dinge gelernt zu haben, die lebensverlängernd sein können und auf die man als Laie bei der Benutzung von technischen Geräten vielleicht nicht gleich kommt.

Im Satire-Beitrag von Extra3 im NDR kommt die Geschichte mit dem Paternoster natürlich ganz anders rüber, sonst wäre sie ja nicht lustig:

Nach mehrmaligem Ansehen dieses Beitrages frage ich mich, warum sich Herr Kaltenborn im Interview nicht bemüht hat, diese Entscheidung seines Arbeitgebers vernünftig zu erklären. Oder falls er es getan hat: Warum hat er dann hingenommen, dass das Interview so sinnentstellend wiedergegeben wurde? Gab es kein Vorgespräch mit dem zuständigen Redakteur? Warum ließ Herr Kaltenborn zu, dass wenig medienerfahrene Uni-Mitarbeiter sich im Beitrag selbst lächerlich machen, indem sie das Wort „Fahrstuhl-Führerschein“ benutzen und in John-Wayne-Manier eine Kontrolleursszene nachstellen, sich dabei ober- und untersichtig filmen lassen und – genau wie der Pressesprecher – ihr Vorgehen nicht erklären. Gut, wird man einwenden, das sind Laien, die sich vielleicht einfach gefreut haben, mal im Fernsehen mitzuspielen und nicht über Konsequenzen nachgedacht haben. Kennt man ja alles aus diversen Talk-Formaten im Trash-TV, wo sich ganze Familien um Kopf und Kragen reden.

Aber hätte nicht wenigstens der Pressesprecher mitdenken müsen? Doch wenn ich mir dessen Körpersprache und extrem lässige Haltung im Beitrag anschaue, gewinne ich den Eindruck, dass dieser sich selbst am liebsten über die Paternoster-Regelung lustig machen würde. Wer kämpft schon gerne auf scheinbar verlorenem Posten? Lieber führt man seinen Arbeitgeber vor und gibt ihn der Lächerlichkeit preis. In diesem Fall die Uni Frankfurt.

Wohlmeinende Leser werden nun einwenden, dass Olaf Kaltenborn vielleicht wenig Medienerfahrung hat und ihm daher dieser Anfängerfehler unterlaufen ist. Schließlich schadet kein guter Pressesprecher seinen Arbeitgeber absichtlich. Ich habe mir daher die Vita von Herrn Kaltenborn auf den Seiten der Uni Frankfurt angeschaut. Und wundere mich immer noch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.