Was zu einer angemessenen Entschuldigung gehört … Westfalen-Blatt im doppelten Shitstorm

Kolumne Westfalen-Blatt

Wie das Westfalen-Blatt mal ganz kurz ganz relevant wurde.

In diesen Tagen bewegt die missglückte Entschuldigung einer regionalen Anzeigenzeitung Medienöffentlichkeit und Online Community. Zum Hintergrund: Die Diplom-Soziologin und Kolumnistin Barbara Eggert hatte im Anzeigenblatt „OWL am Sonntag“ einem Leserbriefschreiber nahegelegt, seine 6- und 8-jährigen Töchter nicht zur anstehenden Verpartnerung seines homosexuellen Bruders mitzunehmen, da dies die Mädchen „durcheinander bringen“ würde. „OWL am Sonntag“ erscheint in der Verlagsgruppe Westfalen-Blatt, die die gleichnamige zweitgrößte Regionalzeitung in Ostwestfalen-Lippe herausgibt. Über ihr Einzugsgebiet hinaus ist die Zeitungsgruppe vor allem dafür bekannt, dass sie Ende 2014 ein Interview mit dem AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke als Lückentext veröffentlichte, nachdem dieser einzelne Passagen davon nicht freigegeben hatte. Außerdem wird gerne darauf verwiesen, dass Bild-Chefredakteur Kai Diekmann seine ersten (und wie mancher süffisant hinzufügt: einzigen) journalistischen Sporen dort sammelte.

Kurz nach Veröffentlichung der Kolumne – ausgerechnet am Internationalen Tag gegen Homophobie – ging ein Abdruck der Eggert‘schen Kolumne im Netz viral und provozierte erwartungsgemäß den zugehörigen Shitstorm, angestoßen von queer.de („Homo-Hass in Ostwestfalen“). Bild und Bildblog.de, Focus.de, Stern.de und viele andere berichteten darüber. Indiskretion Ehrensache schrieb gewohnt wortstark vom „Kackscheiß“ im „widerlichen“ Westfalen-Blatt.

Nachdem sich die Anrufe und Interviewwünsche anderer Medien in der Redaktion am Dienstagmorgen buchstäblich überschlugen, sah sich Ulrich Windolph, Redaktionsleiter des bis dahin beschaulichen Westfalen-Blattes, zu einer wenig distanzierten (und vermutlich noch weniger durchdachten) Stellungnahme genötigt, die erkennbar vor allem darauf ausgelegt war, sich selbst zu exkulpieren:

Entschuldigung - halbherzig

Entschuldigung – halbherzig

 

Erstmals waren in dieser Stellungnahme zwei Versionen der Leserbrief-Rubrik aus unterschiedlichen Sonntags-Ausgaben zu sehen, von denen die längere so etwas Ähnliches wie eine ganz leichte Kritik am Fragesteller enthielt („Andere Kinder mögen vielleicht liberaler aufgewachsen sein …“) und sich daher nicht mehr ganz so einschlägig homophob liest:

Wohlwollende lesen hier eine leichte Kritik am Fragesteller.

Wohlwollende lesen hier eine leichte Kritik am Fragesteller.

 

Insgesamt war Windolphs Stellungnahme jedoch eher dazu angetan, den Shitstorm anzutreiben, als ihn zu beruhigen. Und genau so geschah es dann auch. Die Empörung schwappte weiter und füllte die Postfächer des Westfalen-Blattes. Daher legte Windolph einen Tag später nach und zog die aus seiner Sicht einzige angemessene Konsequenz. Man trennte sich von der Kolumnistin – und fraß Kreide:

Entschuldigung dreiviertelherzig

Entschuldigung dreiviertelherzig

 

Für Medienmacher und Öffentlichkeitsarbeiter bietet der Verlauf der Affäre eine interessante Vorlage, über funktionierende und nicht so gut funktionierende Entschuldigungen nachzudenken: Wie muss eine Entschuldigung überhaupt aussehen, damit sie von einer großen Mehrheit der Öffentlichkeit akzeptiert wird? Und welche NoGos gibt es, die unbedingt zu vermeiden sind?

  1. First Things First: Bereits der erste Absatz einer Entschuldigung teilt dem Leser mit, ob er eine glaubhaft zerknirschten Stellungnahme vor sich hat oder bloß den Versuch, Missglücktes nachträglich schön- oder kleinzureden. Auch das Westfalen-Blatt ist in seinem ersten Anlauf der Versuchung erlegen, seinen Fehler als Missverständnis darzustellen: „Wir haben Verständnis dafür, wenn beim Lesen insbesondere der kurzen Fassung der Kolumne ‚Guter Rat am Sonntag‘ der Verdacht der Homophobie entstehen konnte … Geradezu absurd ist vor diesem Hintergrund der Verdacht, das WESTFALEN-BLATT empfehle ‚Kinder von Homosexuellen fernzuhalten‘“. Dem Leser zu unterstellen, etwas nicht kapiert zu haben, ist für Journalisten immer haarig. In dem Moment, in dem man als Ziel eines Shitstorms mit dem Rücken zur Wand steht, ist es auch noch unklug. Besonders, wenn der Leser die allzu kurzen Beine der Lü…, Schutzbehauptung auch noch gut sehen kann. So heißt es weiter: „Das WESTFALEN-BLATT weist aber zugleich den Vorwurf zurück, der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit das Wort reden zu wollen.“ Dumm nur, wenn man genau das zwei Tage zuvor ganz offensichtlich getan hat.Der erste Absatz einer guten öffentlichen Entschuldigung sollte also ein glaubwürdiges Schuldeingeständnis enthalten. Dennoch schrecken viele Autoren genau davor zurück – etwa, weil sie einen Gesichtsverlust befürchten. Besonders Medienmenschen missglückt dieser Teil eines Entschuldigungsschreibens auffällig häufig. Unfehlbarkeit und Deutungshoheit sind ihr berufliches Kapital, das Eingeständnis von Fehlern kratzt an der Berufsehre.Erst im zweiten Anlauf funktionierte das mit dem Entschuldigen daher auch beim Westfalen-Blatt: „Der Artikel der freien Autorin Barbara Eggert in der Sonntagszeitung ‚OWL am Sonntag‘ vom 17. Mai hätte so in keinem Fall erscheinen dürfen.“ Auch hier schließt sich allerdings wieder ein kleiner Versuch der Selbst-Reinwaschung an: „Er war fälschlicherweise mit der Redaktionsleitung nicht abgestimmt …“ Und das führt zum zweiten Punkt.
  1. Schuldzuweisungen und Bauernopfer: Nichts hasst die empörte Öffentlichkeit im Moment der Empörung mehr als Unklarheiten und Verantwortungs-Ping-Pong. In Krisensituationen spitzen Leser (und Medien) Themen und Entscheidungen gerne auf Einzelpersonen zu, selbst dann, wenn dahinter bloß der Zufall, langjährige Prozesse oder große, anonyme Entscheidergruppen stehen. In Krisen werden Macherpersönlichkeiten geboren wie die drei SPD-Vorsitzenden Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und Matthias Platzeck, die – in geradezu erstaunlicher biographische Parallelität – durch öffentlichkeitswirksames Krisenmanagement während einer Elbe-, bzw. Oder-Flut Popularität gewannen. In Krisen werden aber auch Gesamtschuldige und Bauernopfer geboren. Die kommunikative Kunst besteht darin, Verantwortung zu übernehmen, ohne dabei eine schlechte Figur zu machen. Wer sich weckduckt, auf Schwächere und Untergebene zeigt oder beherzt schweigt, hat schon verloren. Legendär ist in diesem Zusammenhang die seinerzeitige Kampagne „Wir haben verstanden“ des Mineralölkonzerns Shell nach der missglückten Versenkung der „Brent Spar“ 1995. Das Westfalen-Blatt war immerhin klug genug, weder im ersten, noch im zweiten Statement zu versichern, ein Verschulden läge allein bei der Kolumnistin.
  1. Glaubhafte Konsequenzen: Wann immer es zu gravierenden Fehlleistungen kommt, erwartet der Leser auch eine erkennbare Verhaltensänderung, die eine Wiederholung wirksam ausschließt. Viele Leser schätzen es außerdem, wenn die Konsequenz für die Verantwortlichen schmerzhaft ist. Hier kommt der alttestamentarische Sühne-Gedanke durch, von dem sich nur wenige Menschen freimachen können, weil sie schon in ihrer Kindheit gelernt haben, dass einem Fehlverhalten immer eine spürbare Strafe zu folgen hat. Besonders dann, wenn es nicht einen selbst betrifft, sondern andere.Wie kann eine solche Konsequenz aussehen? Das Westfalen-Blatt hat sich von seiner Kolumnistin getrennt. Wahrscheinlich hätten den meisten Lesern auch schon eine persönliche Erklärung der Verfasserin und eine mehrmonatige Schreibpause als Strafe ausgereicht. Oder eine Spende für ein soziales Anliegen. Aus Sicht der Redaktion war die Entscheidung, die Kolumne einzustellen, gleichwohl nicht verkehrt. Die Rubrik hätte zukünftig unter starker Leserbeobachtung gestanden und wäre damit bei jedem neuen kritischen Thema ein latentes Shitstorm-Risiko gewesen. So etwas bindet sich kein Chefredakteur freiwillig ans Bein. Und mehr Freie Autoren als bezahlbar zu füllende Zeilen dürfte es selbst im Einzugsgebiet des Westfalen-Blattes geben: aus unternehmerischer Sicht also kein großer Schaden, sich von Frau Eggert zu trennen und den freien Platz forthin anders zu füllen.Bleibt die Frage, welche inhaltlichen Konsequenzen das Westfalen-Blatt selbst aus dem Shitstorm zieht. Die werden sich vermutlich in überschaubaren Grenzen halten. Nach einer kurzen Übergangszeit, in der die Verfasser das, was sie schreiben, auch selber lesen, wird der Verlag bei seinen Anzeigenpublikationen aus Kostengründen wieder zum bewährten Ein-bis-Zwei-Augen-Prinzip zurückkehren. Eine liberale Neubewertung schwuler Themen ist vom Westfalen-Blatt eher nicht zu erwarten. Seit 2011 ist die konservative, CDU und katholischer Kirche nahestehende Verlagsgruppe Aschendorff aus Münster („Westfälische Nachrichten“, „Münstersche Zeitung“) zu einem Viertel am Verlag beteiligt. Eine Übernahme weiterer Anteile durch Aschendorff gilt als wahrscheinlich.

Verfasser dieser Zeilen hat selbst in den 90er-Jahren als Freier Mitarbeiter für eine (andere) westfälische Lokalredaktion geschrieben und weiß daher um das geringe Berichtsinteresse vieler Verleger und Chefredakteure, sobald es um Themen oder Veranstaltungen der Schwulenbewegung geht. In der regionalen, papierbedruckenden Industrie unterstellt man einem großen Teil der eigenen Leser, ähnlich zu denken oder sich durch entsprechende Berichterstattung gar verstört zu fühlen. Vor dem Hintergrund, dass gerade jüngere und mobile Leser zunehmend zu Online-Medien abwandern, dürfte dieses Kalkül nicht ganz falsch sein.

Zu einer vielleicht überfälligen Diskussion des Themas „Wie sag ich’s meinem Kind“ hat der Shitstorm ohnehin nicht beigetragen. Von seiner Struktur her eignet sich ein Empörungs-Gewitter eher zur Polarisierung denn zur inhaltlich bereichernden Debatte eines umstrittenen Themas. Und so finden sich in den Kommentarspalten des Westfalen-Blattes auch reichlich Beiträge, die die Kündigung der Autorin ebenso bedauern wie das – aus ihrer Sicht – Einknicken der Redaktion vor einer schwulen Mehrheitsmeinung. In seinem Blog-Beitrag „Mit dem Rückgrat einer Qualle: Wie das Westfalen-Blatt eine Autorin dem Mob opfert“ ist Don Alphonso bei FAZ Online darauf eingegangen.

Bleibt das Fazit, dass die beste Entschuldigung diejenige ist, die ernst gemeint ist und angemessene Konsequenzen folgen lässt. Keine Bauernopfer.

 

Nachtrag vom 27. Mai 2015: Die Süddeutsche hat ein sehr interessantes Interview mit Barbara Eggert geführt. Es zeigt sehr gut, wie unter dem Druck eines Shitstorms die Nerven bei allen Beteiligten blank liegen können. Sowohl bei der Autorin, wie auch bei gestandenen Chefredakteuren.

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