Tipps für das Fernsehinterview: Wenn ein Pressesprecher über Blumen stolpert …

Zu den weniger schönen Inhalten der täglichen Arbeit eines Pressesprechers gehört es, auch unliebsame und vor allem unpopuläre Themen nach außen zu verteidigen und dafür den eigenen Kopf in die Kamera zu halten.

Oft erkennen Pressesprecher bei Medienanfragen schon an den ersten Worten des Redakteurs/der Redakteurin, in welche Richtung ein Beitrag gehen soll. So war es sicher auch Dr. Elmar Schleif, Pressesprecher des Bezirksamtes Eimsbüttel in Hamburg schnell klar, dass sein Bezirk in einem Bericht über einen Akt von Guerilla Gardening medial Prügel beziehen würde. Klar war ihm aber auch, dass er als Vertreter seiner Behörde eine erweiterte Auskunftspflicht gegenüber Medien hat, der er idealerweise durch ein Pressegespräch oder Interview nachkommen sollte. Im Hamburger Presserecht heißt es hierzu: „Die Behörden sind verpflichtet, den Vertretern der Presse und des Rundfunks die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen.“ Einen Unterschied zwischen Nachrichtenformaten und Satire-Magazinen macht das Gesetz hierbei nicht.

Wer vor der Kamera ein ungeliebtes Thema darstellen muss, verfällt häufig in eines von zwei Verhaltensmustern: Anfänger werden meist nervös, stammeln und schwitzen oder kapitulieren angesichts der im Gesprächsverlauf zunehmend spitzer werdenden Journalistenfragen und verlieren sich schnell inhaltlich oder widersprechen sich schließlich selbst. Profis hingegen bereiten sich meist auf ein Interview vor, indem sie kurze Statements und Argumentationen auswendig lernen und später vor der Kamera aufsagen – in der Hoffnung, dass diese später im Bericht halbwegs vollständig zu sehen sind.

Die professionelle Variante wählte auch Pressesprecher Schleif. Brav stand er dem NDR dabei zu Beginn des Interviews für sogenannte Schnittbilder zur Verfügung. Hierfür wird der Protagonist meist in einer typischen Arbeitssituation gefilmt. Im Studio wird dann später ein Text des Redakteurs über die Bilder gesprochen, in der Regel eine kurze Vorstellung des Interviewpartners, bevor dann das eigentliche Interview folgt.

Schleif lieferte dem NDR den von Journalisten gern genommenen Klassiker „GoG“ (Gang ohne Grund). Nur blöd, dass er am Ende dieses Ganges – schon daran denkend, dass er gleich ein unliebsames Thema würde verteidigen müssen – in eine resignative Körperhaltung zusammensackte, die besonders in der vom Kameramann gewählten Zwischenform aus Totaler und Halbtotaler sehr ungünstig rüberkommt. Eigentlich hätte er an dieser Stelle das Interview schon abbrechen können. Denn danach war es nicht mehr zu retten.

Resignation vor der Kamera - Kardinalfehler im Interview

Resignation vor der Kamera – Kardinalfehler im Interview

Der Versprecher im Interview (hier hätte Schleif darauf bestehen sollen, den Satz noch einmal aufzusprechen) und die nicht zum Gegenstand passende Argumentation einer angeblichen Verkehrsgefährdung waren dann nur noch das inhaltliche K.O. für einen Beitrag, bei dem schon vorher klar war, dass der Bezirk hier satirisch durch den Kakao gezogen werden sollte.

Was kann man aus einem solchen Beitrag für den eigenen Fernsehauftritt lernen? Dreierlei:

  1. Keine Interviews geben, die man nicht geben möchte: Wer nicht bereit ist, für eine Organisation zu sprechen, die auch mal Fehler macht, an die er aber trotzdem glaubt, gibt vor der Kamera eine traurige Figur ab.
  2. Im Interview und auch bei Schnittbildern auf die eigene Körpersprache achten. Hilfreich ist es, zum Dreh nicht allein zu gehen. Eine zweite Person aus dem eigenen Umfeld kann auf solche Fehler achten und helfen sie zu vermeiden, bevor die Kamera sie eingefangen hat.
  3. In Einzelfällen ist es möglich, dem Sender eigene Schnittbilder zu liefern, etwa von sich selbst, vom Unternehmen oder von einer typischen Arbeitssituation, die von der Kamera nicht spontan eingefangen werden kann, aber reizvoll für das Medium und den Beitrag ist. Solche Bilder können sorgfältig vorbereitet werden. So lassen sich Pannen, die der Live-Situation geschuldet sind, besser vermeiden.

Den vollen Beitrag gibt es aktuell noch zu sehen unter. Der GoG ist bei 0:40 zu sehen:

Beitrag NDR: „Realer Irrsin“

Ach ja: Zum Abschluss noch ein Kompliment an NDR-Redakteurin Martina Hauschild für den gelungenen Beitrag. Dramaturgisch ist der natürlich 1a und eine Satire, die funktioniert.

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