Saudumm oder genial?

War in diesem Blog von „Gelb“ und „Krise“ die Rede, ging es im letzten halben Jahr meist um den ADAC. Das soll heute mal anders sein, denn die Corporate-Farbe Gelb (in Kombination mit dem CMYK-Blau 100:39:0:52) steht in der Politik auch für die FDP. Und wer wollte leugnen, dass die Partei spätestens seit der letzten Bundstagswahl in einer schweren Krise steckt?

Anlass genug also, sich mit dieser Krise und noch mehr mit den Rezepten zu befassen, mit denen sich die Partei aus dieser Krise lösen will. Kommunikativ die beiden größten Herausforderungen sind das Durchbrechen des Negativ-Images und das – für eine Ex-Regierungspartei gewöhnungsbedürftige – mangelnde Interesse der Öffentlichkeit. Nach Links-Partei und Grünen als parlamentarischer Opposition bleibt der FDP nur noch die frustierende Rolle der außerparlamentarischen Opposion – etwa gleichauf mit der AFD und zeitweise auch mit den Piraten, wobei letztere zwischenzeitlich weitgehend in der selbstgemachten Versenkung verschwunden sind. Merke: Die Stärke einer Partei zeigt sich mitunter erst nach verlorenen Wahlen. Das ist wie im Sport.

Die Wahlforscherin Elisabeth Noelle Neumann hatte einst das Bild der sogenannten Schweigespirale geprägt: Es besagt (sinngemäß und hier etwas verkürzt dargestellt), dass viele Menschen sich öffentlich ungern zu ihrer Überzeugung bekennen, wenn sie fürchten, damit in der Minderheit zu sein und sich so in ihrem Umfeld zu isolieren. Da die Massenmedien (zu Noelle Neumanns Lebzeiten noch weitgehend ungestört) bestimmen konnten, was in der Öffentlichkeit als Mehrheitsmeinung wahrgenommen wird, entsteht hierdurch leicht eine Schweigespirale, indem die Vertreter einer abweichenden Meinung sich immer stärker in der Minderheit wähnen, deshalb in der Öffentlichkeit schweigen – daher der Namen „Schweigespirale“ – und so die vorherrschende Medienmeinung schließlich auch zur scheinbar dominanten Meinung der Öffentlichkeit wird.

In gewissem Sinn steckt auch die FDP in einer solchen Schweigespirale, denn es braucht Mut und wirkt aktuell ähnlich alleinmachend wie eine ansteckenden Krankheit, wenn man sich in diesen Tagen zur FDP bekennt. Mehr als in der realen Welt ist das in der Filter Bubble der Social-Media-Schwergewichte und Alpha-Blogger der Fall, die traditionell etwas linker, grüner und jünger sind als der Rest der Wahlbevölkerung und gerne jeden wegbeißen und mit einem Rant überziehen, der Kleinparteien wählt. (Der geneigte Leser fragt sich hier verwundert und mit Blick auf Russland oder China, ob nicht gerade die Vielfalt politischer (Partei-)Präferenzen eine große Stärke westlicher Demokratien ist, die es gebietet auch andersdenkenden Demokraten mit Respekt und offenem Ohr zu begegnen.)

FDP Brandenburg: Mit Selbstironie Aufmerksamkeit sammeln

FDP Brandenburg: Mit Selbstironie Aufmerksamkeit sammeln

Vor diesem Hintergrund (schlechtes Image, wenig mediale Aufmerksamkeit) versucht die FDP Brandenburg nun den Befreiungsschlag mit einer Ironie-Kampagne, aufbereitet von den aus Skandinavien stammenden Werbern Himmel & Jord (zu deutsch: Himmel und Erde). Die zählen bereits EON und EnBW zu ihren Kunden und sind somit öffentlichen Gegenwind gewohnt. Auch die stets gern provozierenden Jungen Liberalen (JuLis) haben bereits die Dienste der Werber in Anspruch genommen.

Im Jahr 2000 hatte ebendiese FDP-Nachwuchsorganisation in Schleswig-Holstein mit der Plakate-Kampagne „Lieber bekifft ficken als besoffen fahren“ auf sich aufmerksam gemacht. Offenbar mit Erfolg: Mehr als zehn Jahre später wurde das Kampagnen-Motto von der SJÖ, der Jugendorganisation der österreichischen Sozialdemokraten übernommen, die sich damit für die Legalisierung von Cannabis in der Alpenrepublik einsetzte.

Wahlwerbung der JuLis Schleswig-Holstein anno 2000.

Wahlwerbung der JuLis Schleswig-Holstein anno 2000.

Und zur Bundestagswahl 2013 warb der Berliner Abiturient Linus Vollmar (FDP) im Wahlkreis 76 (Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee) mit dem Hashtag „#YOLO“ (= You only live once) um junge Wähler. Doch gerade einmal 2.500 Erststimmen (1,5 Prozent) sammelte er mit diese Kampagne ein. Nach immerhin 6,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2009 also ein extrem schlechtes Wahlergebnis in einem für die FDP ohnehin schwierigen Wahlkreis. Ebenfalls 2013 warben andere FDP-Jungpolitiker mit ihrem nackten Hinterteil im Stil der bekannten Kommune-1-Bildikone um Stimmen. Man könnte also mit einiger Berechtigung sagen, dass die FDP Erfahrung mit provokanten Kampagnen hat.

Dabei gab es auch in anderen Parteien immer wieder unkonventionelle Ansätze, aus dem gephotoshopten Plakate-Einerlei der Sonntagslächler und -lächlerinnen nebst Allerweltsparolen auszubrechen. So hatten bereits lange vor den JuLis die Grünen mit einem nackten dunkelhäutigen Hinterteil geworben („Der einzige Grund, schwarz zu wählen). SPD-Kandidat Thomas Krüger war bereits 1994 mit dem Claim „Eine ehrliche Haut“ nackt vor die Kamera getreten. In seinem Fall erfolgreich, denn damit fand er bundesweit Aufmerksamkeit und schaffte den Einzug in den Bundestag.

SPD-Kandidat Thomas Krüger: Ein Politiker als "ehrliche" Haut.

SPD-Kandidat Thomas Krüger: Ein Politiker als „ehrliche“ Haut.

CSU-Nachwuchspolitiker Fabian Giersdorf warb 2013 im Kommunalwahlkampf mit dem für die Mehrheit seiner Wähler weniger provokanten als eher verwirrenden Rapper-Spruch „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Doch trotzdem Chabo das Jugendwort des Jahres war, war der Satz wohl zu kryptisch für die eigene Klientel, der man doch gemeinhin nachsagt, gedankenlos jeden Besenstil zu wählen solange er nur Mitglied der Christsozialen sei. Mit lediglich 2500 Stimmen verpasste der Möchtegern-Rapper den Einzug in das Stadtparlament seiner Heimatgemeinde Roth. Immerhin: Bundesweite Medien hatten auch über ihn berichtet, Facebook-Nutzer allerdings gleich kübelweise Spott über ihm ausgeschüttet.

Hier zeigt sich, dass eine gelungene Provokation noch keine Garantie für den Wahlerfolg ist – sie ist mitunter sogar kontraproduktiv, wenn sie als plumpe Aufmerksamkeitsheischerei, Albernheit oder ganz allgemein als missglückt empfunden wird. So wie beispielsweise das Wahlplakat mit aufreizend präsentiertem Dekolleté („Wir haben mehr zu bieten“), mit dem die Ex-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld auch in den eigenen Unions-Reihen 2009 für Irritation und Kopfschütteln sorgte.

Bürgerrechtlerin auf Wahlplakat: Ein Dekolleté ersetzt keine Inhalte.

Bürgerrechtlerin auf Wahlplakat: Ein Dekolleté ersetzt keine Inhalte.

Nachdem die FDP Brandenburg mit ihrer Kampagne „Keine Sau braucht die FDP“ also die erhoffte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, steht nun die Frage im Raum, ob die Aktion verfängt und sich diese auch in klingende Wählerstimmen umsetzen lässt. Oder geht hier doch eine Schere zwischen Botschaft und Fremdwahrnehmung auf, die die Aktion verpuffen lässt? Anders gesagt: Wird die Selbstironie als Selbsterkenntnis einer geläuterten Partei wahrgenommen oder eher als bloßer politischer Schachzug?

Nach mehrtätigem geplanten Abtauchen präsentierte die Parteispitze auf einer Pressekonferenz am 7. August die Auflösung ihrer kleinen Provokation: eine Plakatreihe mit Nennung all jener Bevölkerungsgruppen, die nach eigener Lesart die FDP brauchen. Es bleibt spannend, ob die genannten Gruppen dies auch so sehen werden und ihr Kreuzchen demnächst bei den Liberalen machen. Nimmt man die ersten Rückmeldungen aus dem Netz als Maßstab für den Erfolg der Kampagne, dann hat diese ihr Ziel verfehlt. Auch der Branchendienst Meedia bewertet die Kampagne eher negativ und schrieb von einer „saudummen Pointe“. Der öffentlich-rechtliche RBB war in seinem Nachrichtenformat „Brandenburg aktuell“ hingegen eher skeptisch-zurückhaltend, verkniff sich aber jegliche Spitze und jedes „saudumme“ Wortspiel.

Am 6. September sind an der Havel Landtagswahlen und für den Sprung über die 5-Prozent-Hürde werden dort voraussichtlich rund 70.000 Stimmen benötig. Gegenwärtig steht die FDP in Brandenburg bei etwa 3 Prozent, so zumindest sehen es die meisten Wahlforscher. Macht nach Adam Riese ein Soll von rund 30.000 Wählern, die noch zu überzeugen wären. Mancher vergleicht den Vorstoß der FDP bereits mit der Umparken-Kampagne des Autoherstellers Opel, der 2013 aus dem Tal der Tränen heraus halb trotzig, halb provokant dazu aufforderte, sich ein neues Bild von der GM-Tochter zu machen und alte Vorurteile über Bord zu werfen. Während diese Umparken-Kampagne anfangs hohe Aufmerksamkeit erregte, verpuffte der Effekt bei der Zielgruppe allerdings bald wieder, wie die Wirtschaftswoche nüchtern feststellte: „Aber auch bei den jungen potenziellen Käufern, die von der Werbekampagne anscheinend positiv angesprochen wurden, ist die Kaufabsicht wieder auf das Vor-Kampagnen-Niveau zurückgekehrt.“

Anfang September wird sich also zeigen, ob die FDP die noch unentschlossenen Brandenburger zum Umparken im Kopf bringen und die politische Schweigespirale aufbrechen konnte oder doch aus dem Postdamer Landtag ausziehen muss.

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