Journalismus gerettet – Hummer für alle

Da habt ihr es also doch noch geschafft. Erst voller Anteilnahme von der Internet-Boheme begleitet, dann frühzeitig für gescheitert erklärt und nun dem digitalen Tod in einem furiosen Finale von der Schippe gesprungen. Krautreporter, Ihr habt alles richtig gemacht. Glückwunsch! Oder doch nicht?

Gewiss, der Start war holprig, Euer Produktversprechen – um es in der Sprache der Werber zu sagen – zu unverbindlich und Eure Öffentlichkeitsarbeit bestand zeitweise eher aus beredtem Schweigen, denn aus echtem Dialog mit Euren potenziellen Lesern. Wenig geeignet, um über die eigene Filterbubble hinaus potenzielle Leser zu erreichen.

 

Krautreporter - alles richtig gemacht

Krautreporter – alles richtig gemacht

Daran mag es dann wohl auch gelegen haben, dass es vor allem andere Journalisten sind, die Krautreporter-Abonnements abschlossen und so ihren Glauben an die Zukunft des Online-Journalismus manifestierten.

In der Psychologie ist es gängige Erkenntnis, dass Menschen anderen Menschen besonders dann helfen, wenn sie deren Notlage als unverschuldet ansehen und außerdem Angst haben, selbst einmal in eine ähnliche Notlage zu kommen. Dem Alkoholiker helfen wir ungern, dem Ertrinkenden werfen wir sofort einen Rettungsring zu. Ob Euer Fehlstart unverschuldet misslungen war, darüber kann man trefflich streiten. Unstrittig ist hingegen, dass die meisten Eurer Unterstützer aus der Medienszene Euch wohl deshalb einen Rettungsring zugeworfen haben, weil sie sich eigentlich selbst meinten.

Die Aussicht, irgendwann einmal für ein Medium zu schreiben, bei dem kein Chefredakteur Themenpläne zusammenstreicht, keine Anzeigenabteilung laut über Advertorials nachdenkt und kein Politiker geschont werden muss, weil er gute Verbindungen zum Verleger hat – für ein solches Medium zu arbeiten, nein: arbeiten zu dürfen, ist wohl der Traum jedes Online-Journalisten. Jedenfalls gleich nach der Veröffentlichung auf Papier, was einschlägigen Umfragen zufolge ein noch größerer Traum von Online-Journalisten ist.

Aber genug des Neides und Chapeau: Ihr habt das größte Crowdfunding-Projekt im deutschen Internet aller Zeiten auf die Beine gestellt und Euch für ein ganzes Jahr 15.000 zahlende Leser gesichert. 15.000 von 80 Millionen, das sind immerhin 0,018 Promille der Gesamtbevölkerung. Anders gesagt: Ein Viertel so viel Leser, wie „Prinzessin Lillifee Bastelzauber“ monatlich erreicht, oder etwas mehr Leser als das Fachmagazin „Rheinlands Reiterpferde“ jeden Monat am Kiosk für sich begeistert. Das Satiremagazin Postillon, erfolgreichster Medien-Neustart seit der Landlust, kratzt übrigens gerade an der Millionen-Lesergrenze.

Tut aber alles nichts zur Sache. Für’s erste ist der Journalismus gerettet und die Angst gebändigt, dass die Medienlandschaft 2020 nur noch aus Bild und heftig.co besteht. Und dafür sollten wir Euch alle ein klein bisschen dankbar sein.

Journalismus gerettet. Die Bordkapelle spielt wieder.

Journalismus gerettet. Die Bordkapelle spielt wieder.

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