Verschwörungstheorien wirksam begegnen – Flug MH 370 als Lehrstück

Seit nunmehr vier Wochen verfolgt die Weltöffentlichkeit gespannt die Suche nach dem verschwundenen Malaysia-Airlines-Flug MH 370. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise auf einen Absturz im Indischen Ozean, rund 2000 Kilometer nordwestlich von Perth/Australien. Die Ocean Shield, ein Spezialschiff für Rettungs- und Katastropheneinsätze der  Royal Australian Navy hat wiederholt Ping-Signale aufgefangen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit von einem Flugschreiber stammen.

Suchgebiet, in dem Ping-Signale ermittelt wurden (Quelle: www.jacc.gov.au)

Suchgebiet, in dem Ping-Signale ermittelt wurden (Quelle: www.jacc.gov.au)

Die australische und zuvor schon die malaysische Regierung halten die Weltöffentlichkeit mit regelmäßigen Pressekonferenzen und -bulletins auf dem Laufenden. Via Web können viele Inhalte der Suche live verfolgt werden. Und doch führt gerade diese große Transparenz scheinbar zu einer paradoxen Entwicklung. Denn während ein Lehrsatz guter und ehrlicher Öffentlichkeitsarbeit besagt, dass Fakten-Offenheit Spekulationen und Gerüchtebildung entgegenwirkt, scheint hier das Gegenteil der Fall zu sein: Eine ebenso rege wie hartnäckige Verschwörungtheoretiker-Szene macht ihrerseits Jagd auf das verschwundene Flugzeug und verortet es wahlweise auf dem US-Stützpunkt Diego Garcia, in Ostafrika oder – gerade jüngst wieder gemeldet – auf einem geheimen Flughafen in Zentralasien mit Wissen der russischen Regierung. Auch die „Schatz“-Theorien gewinnen wieder an Unterstützung. Nachdem die Geschichte vom angeblichen Goldhort an Bord wohl mittlerweile ad acta gelegt ist, wird nun über mögliche Inhaber eines Patentes aus der Mikroelektronik spekuliert, die von ihrem Arbeitgeber (oder wahlweise von Bankern, denen heute ja bekanntlich alles zugetraut wird) ermordet worden seien um deren Verwertungsrechte zu übernehmen.

Tatsächlich liefert die Katastrophe viel Potenzial für Spekulationen und abstruse Gerüchte. Die anfangs wohl grob falschen Suchkoordinaten, die widersprüchlichen Berichte über den letzten Funkkontakt mit dem Cockpit sowie das Ausbleiben eines militärischen Alarmeinsatzes nach dem Verschwinden des Transpondersignales nebst Überflug malaysischen Hoheitsgebietes sorgten für Misstrauen und Diskussionen.

Erster Eindruck: Die Tragödie liefert damit alle Ingredienzien und Buzz-Wörter einer im viralen Sinne erfolgreichen Verschwörungstheorie („USA“, „China“, „Militär“, „Luftwaffenstützpunkt“, „Geheimhaltung“, „Regierung musste sich korrigieren“). Die Mythenbildung wurde zum Selbstläufer. Auch die Boulevardpresse köchelt in der Gerüchteküche fleißig mit und hinterlegt jedes Informationsfragment mit bedeutungsschwangeren Fragezeichen. Das zeigt Wirkung: Rund 40 Prozent der Befragten äußerten bei einer nicht repräsentativen Umfrage von T-Online ihre Zweifel, dass das Wrack jemals gefunden werde – vor dem Hintergrund der zwar langen, am Ende aber beeindruckend erfolgreichen Suche nach Wrack und Flugschreiber von Air-France-Flug AF 447 ein eher enttäuschendes Ergebnis.

Zweifel am Auffinden - Öffentlichkeit skeptisch (Quelle: T-Online)

Zweifel am Auffinden – Öffentlichkeit skeptisch (Quelle: T-Online)

Auf der anderen Seite ist nicht jeder, der am Auffinden zweifelt, deshalb auch Anhänger einer Verschwörungstheorie. In einer Welt, in der zwanzig Prozent aller Vorarlberger daran zweifeln, dass die Mondlandung jemals stattgefunden habe und immerhin ein Drittel der US-Bürger annimmt, dass die Bush-Regierung seinerzeit die Anschläge vom 11. September 2001 unterstützt oder zumindest tatenlos zugesehen habe um sie für einen anschließenden Krieg im Mittleren Osten politisch zu nutzen, ist die Zahl der Verschwörungstheoretiker zu Flug MH 370 vielleicht sogar überraschend klein.

Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass ein nennenswerter Teil der Menschheit bevorzugt irrational denkt und fast jedes veröffentlichte Faktum sich mit ausreichend Phantasie zu einer Verschwörungsgeschichte umspinnen lässt. Die entscheidende Frage ist allerdings, wieweit diese Mythen schließlich ein Eigenleben entwickeln und Realität verdrängen. Sind unsinnige Ideen einmal in der Welt, sind sie mit der Zeit immer schwerer auszuräumen.

Eine Lehre aus Flug MH 370 sollten die Behörden deshalb jetzt schon beherzigen. Es reicht nicht, transparent zu sein und im Verlauf der Ereignisse auch eigene Fehler öffentlich zu machen. Mindestens so wichtig wie die Veröffentlichung von Fakten ist mittlerweile auch deren Einordnung. Wo Medien diese Aufgabe immer weniger selbst übernehmen und die Öffentlichkeit Neuigkeiten zunehmend direkt an der Quelle (hier also bei den Regierungen, der an der Suche beteiligten Länder) abfragt, kommt der erklärenden Einordnung eine immer größere Bedeutung zu. Eine gute Kommunikation zeigt auf, warum eine Suche in welcher Form erfolgt, wo deren Grenzen liegen und wie sich Misserfolge erklären. Bleibt diese Einordnung aus, werden die Lücken mit Spekulationen gefüllt. Und die werden dann mit der Zeit zu Ersatzwahrheiten.

Ein Gedanke zu „Verschwörungstheorien wirksam begegnen – Flug MH 370 als Lehrstück

  1. Sehr geehrter Herr Steinke,

    ich suche einen Interviewpartner, um ein kurzes Telefoninterview über das mysteriöse Verschwinden der MH370 zu führen. Haben die dafür heute Nachmittag/ Montag Zeit? Dann würde ich mich freuen, wenn Sie sich bei mir melden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Sabrina Freese

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