Unter sticht Ober – wie eine Praktikantin ihren Chef feuerte

Der deutsche Lebensmittelmarkt ist hart umkämpft: Die wenigen Markenartikler stehen mit Hart-Discountern wie Lidl und Aldi im erbitterten Wettbewerb um die sorgsam abgezählten Euro-Cent ihrer Kunden. Die Verkaufsfläche pro Tausend Einwohnern (ein gängiger Key Performance Indicator in der Warenwelt) liegt zwischen 312 (Hamburg) und 505 Quadratmetern (Schleswig-Holstein). Auf einem europaweit fast einzigartig preissensiblen Kundenmarkt bedeutet diese Kombination hohe Kosten und geringe Margen – so gering, dass selbst US-Warenhausriese Walmart sich 2006 nach acht Jahren frustiert wieder aus dem deutschen Markt zurückzog.

"Besser leben" - Für Mitarbeiter ohne Bezahlung schwer möglich.

REWE-Motto „Besser leben“: Für Mitarbeiter ohne Bezahlung nur ein schöner Traum.

Der Wettbewerb zwingt die Anbieter folgerichtig zu stetigen Kosteneinsparungen. Doch der Kunde ist nach einigen Lebensmittelskandelen, von denen die meisten (aber eben nicht alle) bald wieder vergessen waren, qualitätssensibel. Gerade testen der Discounter Netto und dessen Konzernmutter Edeka, ob Verbraucher beispielsweise bereit sind, Obst zu kaufen, das aussieht wie echtes Obst – und nicht so schön wie Bilderbuch-Obst. Natürlich gegen einen kleinen Preisnachlass. In einer Warenwelt, in der Kunden sonst nur zuvor wachslackierte und aufwändig beleuchtete und präsentierte Früchte in den Einkaufswagen heben, ist das schon eine kleine Revolution.

So forscht der kostenbewusste Einzelhändler, sei er Marktleiter einer Kette oder Einzelkaufmann einer Einkaufsgenossenschaft immer nach Stellschrauben für Einsparungen. Naturgemäß geraten dabei in einer derart personalintensiven Branche schnell auch die Mitarbeiter in sein Blickfeld. So beschäftigte ein selbständiger Rewe-Kaufmann aus Bochum eine Praktikantin acht Monate lang unbezahlt als reguläre Aushilfe nicht nur zum Einräumen, sondern sogar an der Kasse – als vollwertige Arbeitskraft. Und das nicht nur die üblichen rund 170 Arbeitsstunden im Monat, sondern bis zu 247 Stunden. Gelockt von der Aussicht auf eine Ausbildungsstelle ließ die 19-jährige sich auf das böse Spiel ein. Schließlich aber zog sie vor das zuständige Arbeitsgericht und verklagte ihren Arbeitgeber auf Lohnzahlung. Die Arbeitsrichter drängten beide Seiten auf einen Vergleich und schlugen eine Zahlung von 13.000 Euro vor. Der Marktleiter blieb hart und erhielt so sein gerechtes Urteil. Lohnnachzahlung nebst Zinsen – summa sumarum 17.281,50 Euro, die aus seiner Registrierkasse auf das Konto der Scheinpraktikantin wanderten.

Damit nicht genug: Durch das Urteil des Arbeitsgerichtes war der Fall bundesweit bekannt geworden. Spiegel Online und andere berichteten darüber. Verärgerte Kunden posteten Links auf die Medienberichte auf das REWE-Karriereportal bei Facebook und über andere Kanäle. REWE reagierte schnell, beantwortete brav – und wohl auch aus Angst vor einem Shitstorm – sorgfältig die Facebook-Beiträge an seiner Pinnwand und kündigte gleich nach dem Urteil Konsequenzen an.

Nun veröffentlichte das Unternehmen eine Pressemitteilung zum Thema: Der Konzern trennt sich von dem selbständigen Kaufmann und führt dessen Bochumer Filiale fortan in Eigenregie. In seltener Deutlichkeit heißt es aus der Konzernzentrale: „Es gibt in der REWE Group keinen Platz für Verstöße gegen Gesetze und soziale Standards und wo es entgegen unserer genossenschaftlichen Grundwerte zu solchen Verstößen kommt, werden unverzüglich Konsequenzen gezogen. Das gilt sowohl für Mitarbeiter als auch für Kaufleute“.

Eine kluge Entscheidung eines Lebensmittel-Konzerns, dessen Payback-Claim „Besser leben“ doch jedenfalls auch für seine Mitarbeiter gelten sollte.

 

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