Der Schoß ist fruchtbar noch …

Eine Realschule in Weißenburg, irgendwo in der bayerischen Provinz. Die Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse starten durch zum alljährlichen Mausefallenrennen. Das heißt so, weil die von den Kindern gebastelten Fahrzeuge angetrieben werden von der Federkraft einer Mausefalle. Das Fahrzeug, das am weitesten fährt, gewinnt. Ein großer Spaß für alle Beteiligten. Doch dann passiert Unglaubliches. Die Schulleiterin wünscht allen Kindern zum Start des Rennens ein fröhliches „Sieg Heil“.

Anwesende Lehrkräfte sind entsetzt, der Spruch macht die Runde, der (Aus)Fall der Schulleiterin gelangt in die Medien. Süddeutsche Zeitung und Bayerischer Rundfunk berichten, schließlich auch der Spiegel. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf und Beteiligte und Unbeteiligte geben Interviews, während die Schulleiterin in einem Rundschreiben an Kollegium und Elternbeirat versucht, die Wogen zu glätten. Verzweifelt bittet sie darum, keine Informationen mehr an Journalisten zu geben. Das Zitat, so die Schulleiterin, sei ein missglückter Anfeuerungsruf gewesen. Politisch sei sie doch eher grün. Eine Verwechslung mit „Ski Heil“ sei ihr da unterlaufen, mutmaßen Wohlmeinende.

Doch egal, wie die Causa Weißenburg ausgehen wird. Die Reputation der Schulleiterin ist nun schwer beschädigt – eine gute Gelegenheit für die Süddeutsche Zeitung im Rahmen ihrer Berichterstattung auf Differenzen zwischen Schulleiterin und Lehrkräften hinzuweisen. Ohne Quellen zu nennen erklärt die Zeitung: „Ihr Führungsstil und ihr Umgangston waren von Anfang an umstritten.“ Doch Differenzen zwischen Oben und Unten – wo gibt es die nicht? In den meisten Lehrerkollegien dürften sie an der Tagesordnung sein. Zwei Wörter – und ein Aufschrei geht durch das Land. Der Fall Weißenburg zeigt: Noch immer führt kaum etwas so zuverlässig zur öffentlichen Selbstzerstörung wie ein gewollt oder ungewollt platziertes Zitat aus der braunen Suppe.

2007 machte die Fernsehmoderatorin Eva Herman Schlagzeilen, indem sie – so der Vorwurf – mit der Familienpolitik der Nazis liebäugelte. Soft-Talker Johannes B. Kerner warf sie deshalb aus seiner Sendung („Autobahn geht gar nicht“) und generierte damit den Youtube-Erfolg des Jahres. Herman verließ beledigt den Talk und verschwand fortan aus der ernstzunehmenden Hälfte der öffentlichen Diskussion. Aus der ersten Reihe der deutschen Fernsehgemütlichkeit stürzte sie in die letzte – und präsentierte fortan beim Kirchensender K-TV  Web-TV für heile Familien. Oder schrieb Artikel für die Website des rechtslastigen Kopp-Verlages. Zu dessen Verlagsprogramm Titel wie „Nur der Satan isst mit Links“ oder „Obama, Echnaton und der Tempel Salomons“ gehören. Was für ein Niedergang: Noch 2003 war Herman Deutschlands beliebteste Moderatorin gewesen.

 

Eva Herman: Kommunikativer Totalschaden auf der "Autobahn".

Moderatorin und Autorin Eva Herman: Kommunikativer Totalschaden auf der „Autobahn“.

Nicht immer geschah die Koketterie mit den Idealen des Nationalsozialismus freiweillig. Unvergessen ein Auftritt des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger aus dem Jahr 1998. Zum 50. Jahrestag der Reichsprogromnacht hielt der CDU-Mann eine Rede voller Zitate aus der NS-Zeit. Sein Unglück: Jenninger misslang die Trennung von direkter und indirekter Rede. Sein Vortrag klang wie eine Rechtfertigung der Unmenschlichkeit. Abgeordnete von Grünen, SPD und FDP verließen noch während der Rede entsetzt und kopfschüttelnd den Bundestag. Am nächsten Tag berichteten die Medien, teils verschärfend und sinnentstellend über Jenninger Fauxpas. Der Parlamentspräsident trat keine 24 Stunden nach der missglückten Rede von seinem Amt zurück. Jenninger war einst Pressereferent des Bundesverteidigungsministers gewesen und wusste deshalb wohl, wann ein Kampf mit der Öffentlichkeit aussichtslos war. Bei der Bundestagswahl 1990 trat er nicht wieder an. Der bis zu dieser ungewollten Entgleisung bis auf einen kleinen Bilderstreit mit dem Grafiker Klaus Staeck wenig beachtete und ebenso unauffällige wie treue Parteisoldat wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl auf den Versorgungsposten eines deutschen Botschafters in Wien abgeschoben und lebt heut im Ruhestand.

Philipp Jenninger - gestolpert über fehlende Anführungszeichen.

Philipp Jenninger – gestolpert über fehlende Anführungszeichen.

Andere spielten erschreckend viel souveräner mit dem Ungeist der Nazi-Dialektik. Mit dem Slogan „Gas geben“ machte etwa der damalige NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt im Berliner Wahlkampf 2011 von sich reden. 1986 machte Bürgermeister Wilderich Freiherr von Mirbach Graf von Spee (CDU) das rheinische Städtchen Korschenbroich bundesweit bekannt, als er in einer Ratssitzung angesichts leerer Kassen erklärte, zur Sanierung des Haushalts „müsse man ein paar reiche Juden erschlagen“.

Aber auch wer sich bewusst vom Nationalsozialismus distanziert und anderen Nazi-Methoden unterstellt, wird dafür zurecht abgestraft: 2002 musste Bundesjustizministerin Hertha Däubler-Gmelin auf eine weitere Amtszeit verzichten, nachdem Sie den damaligen US-Präsidenten George W. Bush in einem Hintergrundgespräch in die Nähe Adolf Hitlers gerückt hatte.

Bereits 1986 hatte sich der außenpolitisch noch reichlich unerfahrene Helmut Kohl im Spiegel-Interview über Michael Gorbatschow verächtlich geäußert: „Das ist ein moderner kommunistischer Führer, der war nie in Kalifornien, nie in Hollywood, aber der versteht etwas von PR. Der Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen!“ Es war die Endzeit des Kalten Krieges und US-Präsident Ronald Reagen hatte die Sowjetunion wiederholt als „Reich des Bösen“ gebrandmarkt. Aber Kohls Vergleich ging zu weit. Zähneknirschend musste Bundespräsident Richard von Weizsäcker nach Moskau reisen und zerschlagenes diplomatisches Porzellan kitten. Hämisch und doppeldeutig betitelte der Spiegel seine Aufmachergeschichten zum Skandal mit der Überschrift: „Kohls Ausfall“.

Helmut Kohls Aussetzer - der Gorbatschow-Goebbels-Vergleich.

Helmut Kohls Aussetzer – der Gorbatschow-Goebbels-Vergleich.

Auch die Protokolle des Bundestags und der deutschen Landtage verzeichnen zahlreiche Ausfälle von Politikern, die Vertreter anderer Parteien mehr oder weniger deutlich mit Apologeten des NS-Regimes gleichsetzen. Was fast immer eine hitzige Debatte nebst Aufforderung zur Entschuldigung oder zum Rücktritt zur Folge hatte. Mitunter erfolgreich. 2010 lieferten sich FDP und Grüne im Bundestag einen kalkulierten Showdown, als die grünen Abgeordneten aus Protest gegen die anstehende Abstimmung über eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke einheitlich in Schwarz aufmarschierten. Der FDP-Abgeordnete Jörg van Essen erklärte daraufhin in einer Rede: „Es hat keinem Parlament in der Geschichte gutgetan, wenn eine Fraktion einheitlich gekleidet aufgetreten ist“ Beleidigt twitterte der Grünen-Abgeordnete Harald Terpe: “ Das ist ein starkes Stück: FDP-Geschäftsführer van Essen vergleicht uns GRÜNE mit NSDAP.“

Es zeigt sich: Braunen Dreck in den Mund zu nehmen ist in Deutschland selten eine gute Idee, die sich fast immer gegen den Erfinder wendet. Und das wiederum ist dann auch ganz gut so.

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