„Endlich ist er weg“ – Von der Freude am Rücktritt

Wie angekündigt, will ich mich an dieser Stelle tiefergehend mit dem Thema „Rücktritt“ befassen. Im Beitrag „Journalisten in der Krisenkommunikation“ hatte ich bereits gezeigt, dass gerade Medienvertreter oft schlecht zurücktreten und loslassen können. Dafür sind sie gute Beobachter, was die Rücktritte anderer betrifft.

Ein Rücktritt ist in der Regel der unschöne Höhepunkte in der Krise und zieht das mitunter bereits abschwellende mediale Interesse noch einmal in unerwünschte Höhen (siehe ADAC). Meist steht der Rücktritt am Ende einer Kette von Verfehlungen und die Medien haben durch deren Aufdeckung gezielt auf den Führungswechsel hingearbeitet. Einen Vorstand oder Minister „erlegt“ zu haben – das schmückt die Trophäengalerie eines Enthüllungsjournalisten und trägt zum Renommee des Mediums bei, für das er schreibt. Die BILD-Zeitung wollte mit dem von ihr maßgeblich mit vorangetriebenen Rücktritt von Alt-Bundespräsident Christian Wulff auch Unabhängigkeit gegenüber der Regierungspartei CDU demonstrieren. Mittlerweile geriert sich die Zeitung sogar als APO.

Die erste Frage nach Bekanntwerden des Rücktritts ist die nach der Nachfolgerin oder dem Nachfolger. Für die Medien interessant ist aber auch die Würdigung des Zurückgetretenen durch sein Umfeld. Der Wortlaut verrät oft, ob eine Rückkehr des Gefallenen zu erwarten ist oder mit dem Skandal auch jeglicher Rückhalt abhanden gekommen ist.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium verzichtete auf eine Pressemitteilung zum Rücktritt seines Ressortchefs Hans-Peter Friedrich und lieferte auf seinen Seiten lediglich den neuen Amtsinhaber und einen knappen Text zum Wechsel. Darin heißt es: „Zuvor hatte der Bundespräsident dem bisherigen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Dr. Hans-Peter Friedrich, seinen Respekt und Dank ausgesprochen und ihm die Entlassungsurkunde ausgehändigt.“ Weniger als das wäre ein Affront gewesen – und wohl auch nicht zu erwarten, schließlich bleibt das Ministerium weiterhin Verfügungsmasse (lies: Eigentum) der CSU und Friedrich ist in der Wahrnehmung der eigenen Partei nur ein „Bauernopfer“ (man verzeihe das naheliegende Wortspiel).

Schnelles Übergehen zur Tagesordnung. Die Website des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Übergehen zur Tagesordnung. Die Website des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Den Amtswechsel hatte gemäß Protokoll ohnehin nur die Bundeskanzlerin zu kommentieren, was  sie auf ihrer Seite auch kurz tat. Wer öfter Arbeitszeugnisse auf den Schreibtisch bekommt, wird im Text die verklausulierte Gesamtnote zwei Minus lesen – aus Sicht von Beobachtern noch ein wohlwollendes Abschlusszeugnis für Friedrich. Sogar dessen Auftritt in der NSA-Affäre hebt die Kanzlerin lobend hervor – Friedrich als souveräner Innenminister in der Krise: diese verklärende Wahrnehmung aus der Erinnerung dürfte die Kanzlerin wohl exklusiv haben.

Andere nutzten Friedrichs Sturz um alte Rechnungen zu begleichen. Rapper Bushido ätzte: „Endlich ist er weg.“ Die Männer-Feindschaft hatte eine Vorgeschichte: Friedrich war einst auf Distanz zum Skandalrapper und Ex-Bundestagspraktikanten Bushido gegangen, nachdem dessen mögliche Verbindungen zur organisierten Kriminalität ruchbar geworden waren. Die Amigo-Partei CSU hatte Angst, mit mafiösen Strukturen in Verbindung gebracht zu werden! Die besten Geschichten schreibt das Leben.

Im Fall des zurückgetretenen ADAC-Präsidenten Peter Meyer waren die Wunden hingegen auf allen Seiten gleichermaßen tief und die Chancen auf eine Rückkehr sind – trotz seiner verbleibenden niederrheinischen Hausmacht – wohl gering.

Ist eine ganze Organisation in der Glaubwürdigkeitskrise, wird oft versucht, sich durch demonstratives Abrücken vom Geschassten auch vom eigenen Skandal zu distanzieren – in der Regel erfolglos. Entsprechend kühl fiel die obligatorische Dankes- und Abschiedserklärung des Clubs aus. Von einer Dankeserklärung kann man auch gar nicht reden, eher von einer frostigen Abschiebung. Schon der erste Satz der Pressemitteilung lautet: „Der ADAC e.V. nimmt den Rücktritt seines Präsidenten Peter Meyer zur Kenntnis.“ Bumm! Selbst die knappste Dankesformel für geleistete Arbeit sucht der Leser im weiteren Text vergeblich. Aus Sicht des ADAC-Präsidiums ist die Personalie Peter Meyer damit wohl abgehakt.

Die hohe oder sogar höchste Kunst des Nachtretens gegenüber dem Vorgänger findet sich erwartungsgemäß in der Politik. Schließlich gibt es nirgendwo so viele unfreiwillige Abgänge wie unter den Mächtigen, da entwickeln sich Übung, Profession und wahres Könnertum. Auch beim Austeilen zwischen den Zeilen. Als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Bruno Dieckmann 1949 seinem Amtsvorgänger Hermann Lüdemann öffentlich für dessen geleistete Arbeit dankte, wich er von seinem zuvor verteilten Redemanuskript ab. Aus dem niedergeschriebenen Dank „… der nichts für sich und so viel für unser Land erstrebt hat“ wurde ein knappes „… der so viel für unser Land erstrebt hat“. Ohne ein einziges böses Wort zu sagen, lieferte er damit eine willkommene Vorlage für Spekulationen des SPIEGEL und andere Medien. Kann man seinem Vorgänger subtiler  vor das Schienenbein treten?

Ministerpräsident Lüdemann: Er hat sich bemüht.

Ministerpräsident Lüdemann:“… so viel für unser Land erstrebt …“

Natürlich kennt die Politik auch die große Dankesgeste. Eine der schönsten war Bundeskanzler Konrad Adenauer gewidmet. Als der „Alte von Rhöndorf“ sein Amt als Regierungschef auf Druck der eigenen Fraktion 1963 abgeben musste, ließ er sich in den letzten Monaten noch einmal ausgiebig feiern, auch im Bundestag. Parlamentspräsident Eugen Gerstenmeier dankte ihm dort mit rührenden Worten: „Am 15. September 1949 haben Sie sich hier von Ihrem Abgeordnetensitz erhoben, um den Platz des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland einzunehmen. Heute verlassen Sie ihn wieder mit einer geschichtlichen Leistung, ungebeugt und in Ehren. Damals standen Sie auf und traten vor das Haus. Heute steht der Deutsche Bundestag vor Ihnen auf, Herr Bundeskanzler, um für das deutsche Volk dankbar zu bekunden: Konrad Adenauer hat sich um das Vaterland verdient gemacht.

Dabei war das Verhältnis zwischen dem Bundestagspräsidenten und dem Noch-Bundeskanzler zu diesem Zeitpunkt alles andere als ungetrübt. Gerstenmaier hatte selbst versucht, Adenauers Nachfolger zu werden, allein die CSU hatte dies verhindert. Der als Wirtschaftsminister erfolgreiche und als späterer Kanzler überschätzte Erhard war schließlich jener Kompromisskandidat, auf den man sich hatte einigen können. Gerstenmaier übte sich fortan in stiller Loyalität. Was ihm nur bedingt nutzte: Das ihm von Erhards Nachfolger Kiesinger angebotene Außenministerium musste er schließlich doch dem Koalitionspartner und damit Willy Brandt überlassen. Treue allein reicht in der Politik eben noch nicht, man braucht auch Glück.

Adenauer, dem die Wahl seines Nachfolgers fast noch mehr verhasst war als der eigene erzwungene Rücktritt, stichelte in den ihm noch verbliebenen Lebensjahren oft und ausgiebig gegen seinen Nachfolger Erhard. Ganz ihm Stil jenes anderen großen deutschen Kanzlers Otto von Bismarck, der den eigenen Sturz ähnlich schlecht verwunden hatte und hinter vorgehaltener Hand als „Der Alte vom Sachsenwald“ noch lange gegen den jungen Kaiser Wilhelm II. giftete, der ihn so schnöde ausgetauscht hatte. Aus Rache ließ Bismarck sich sogar in den nächsten Reichstag wählen, ohne das Mandat jemals wahrzunehmen. Der Mitbegründer der Kreuzzeitung verstand es darüber hinaus meisterhaft, seinem Nachfolger Leo v. Caprivi über die Zeitungen gute Ratschläge zu geben.

Auch Adenauer nutzte die Medien für seine kleinen Rachefeldzüge. Die wiederum griffen die Einflüsterungen aus Rhöndorf dankbar auf, was zu allerlei Unruhe im Bonner Politzirkus führte. Arthur Rathke, Sprecher des CDU-Parteivorstandes stöhnte schließlich gequält über die Rankünen: „Um in dieser Partei Pressechef zu sein, muß man Arzt gelernt haben.

Helmut Kohl hatte 1993 noch verkündet, dass er erst zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2010 zurücktreten wolle. Der Wähler entschied bekanntlich anders.

Helmut Kohl: Möchtegern-Bundeskanzler von 1982 bis 2010.

Helmut Kohl: Möchtegern-Bundeskanzler von 1982 bis 2010.

Wo der Wähler nicht die Macht hat, müssen andere Gründe für den politischen Wechsel vorgeschoben werden. Die DDR-Staatsratschefs Walter Ulbricht und Erich Honecker – als Personen denkbar unterschiedlich – beriefen sich in sonst ungewohnter Eintracht bei ihren Rücktritten jeweils auf gesundheitliche Gründe. Das DDR-Fernsehen, das Machtwechsel nicht liebte, weil sie den ordnungsgemäßen Programmablauf gefährdeten, schaltete nach Bekanntgabe der Ulbricht-Demission daher wieder ins reguläre Programm zurück wo Marika Röck im Goebbelschen Durchhaltefilm „Ich hab Dich lieb“ von 1942 fröhliche trällerte „Überall ist Glück und Sonnenschein“. So  lieblich wurde wohl nie wieder ein Rücktritt besungen.

 

 

 

 

 

 


[[i]]      „Nichts für sich“, in: Der Spiegel 36/1949, S. 10.

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