Was zu einem guten Rücktritt gehört

Nachdem der ADAC am Wochenende vorübergehend im Vor-Krisen-Google-Tief angelagt war, sorgen nun der Wirbel um den Untersuchungsbericht über die Preisvergabe zum Gelben Engel, die Trophäen-Rücksendeaktion der Automobilindustrie und der erzwungene Rücktritt von ADAC-Präsident Peter Meyer für neue Schlagzeilen. Eine gute Gelegenheit, um über gelungene und weniger gelungene Rücktritte zu sprechen. Was macht eigentlich einen guten Rücktritt aus?

Neuer ADAC-Präsident August Markl: Regionalfürst ersetzt Regionalfürst (Foto: ADAC)

Neuer ADAC-Präsident August Markl: Regionalfürst ersetzt Regionalfürst (Foto: ADAC)

  • Ein guter Rücktritt muss zeitnah erfolgen. In der Öffentlichkeit darf nicht der Eindruck langen Klammerns am verlorenen Posten entstehen. Maß aller Dinge ist hier immer noch die ehemaligen EKD-Vorsitzende und Landesbischöfin Margot Käßmann, die nur dreieinhalb Tage nach ihrer Trunkenheitsfahrt in Hannover von allen kirchlichen Ämtern zurücktrat. ADAC-Präsident Meyer bringt es auf knapp 8-Käßmann-Zeiteinheiten. Deutlich zu spät, um hier noch Schaden vom Verein und von seiner Person abzuwenden. Der Lübecker Dichter Emanuel Geibel schrieb hierzu einst mahnend: „Klug ist, wer stets zur rechten Stunde kommt, doch klüger, wer zu gehen weiß, wann es frommt.“
  • Der Zurücktretende muss demonstrativ Verantwortung für sein Tun oder für die Fehler seiner Organisation übernehmen. Nicht immer ist eine persönliche Verantwortung nachweisbar, in diesem Fall greift die politische Verantwortung, die auch als Grund für Meyers Rücktritt genannt wird. Wer nicht weiß, was unter der eigenen Ägide grob falsch läuft, muss sich den Vorwurf mangelnder Organisationskenntnis und schlechter Führung gefallen lassen. Auch das ist Grund genug für einen Rücktritt.
  • Es müssen Zeichen für einen glaubhaften Neuanfang gesetzt werden. Ist der Nachfolger des Zurückgetretenen dessen Stellvertreter oder eine andere Führungskraft, die mutmaßlich in die Affäre verwickelt ist, sind Zweifel an einem glaubwürdigen Neuanfang angebracht. Der neue ADAC-Präsident August Markl ist seit 2001 Regionalfürst des ADAC Südbayern und seit über zehn Jahren Mitglied des Verwaltungsrates. Wieviel wusste er von den skandalösen Vorgängen beim Automobilclub? Wird ihm die Öffentlichkeit Nichtwissen abnehmen oder eher davon ausgehen, dass der Verein weiter macht wie bisher? Der ADAC läuft hier kommunikativ in die Kontinuitäts-Falle.
  • Der Rücktritt muss vollständig und umfassend sein. Als Negativbeispiel sei der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg genannt, der zu Beginn seiner Plagiatsaffäre zuerst gar nicht, dann nur vorübergehend seinen Doktorgrad „freiwillig“ niederlegen wollte. Noch einmal zwei Tage später erklärte er, dauerhaft hierauf verzichten zu wollen. Damit verspielte er Kredit und Glaubwürdigkeit. Schließlich wurde ihm die Promotion einige Wochen später von der Juristischen Fakultät seiner Alma Mater aberkannt. Guttenberg erklärte daraufhin, weiterhin Minister bleiben zu wollen um dann schließlich eine Woche später endgültig (wohl auf Drängen Angela Merkels) von allen Ämtern und seinem Bundestagsmanadat zurückzutreten – ein Lehrbeispiel für Selbstbeschädigung durch zwanghaftes Klammern. Auch ADAC-Präsident Meyer beging den selben Fehler. Erst erklärte er sich zum obersten Aufklärer in der Krise, beschädigte grundlos seinen Geschäftsführer Karl Obermair und trat schließlich – nur äußerst wiederwillig und mit Blick auf die drohende Absetzung – vom Präsidentenposten auf Bundesebene zurück. Meyer bleibt aber bis auf weiteres einer von 18 Regionalfürsten. Und er nutzt dieses Amt, um aus der nordrheinischen Provinz gegen den Bundesclub zu schießen. Die Münchener Clubzentrale antwortete mit einer Pressemitteilung („ADAC Präsidium und Verwaltungsrat nehmen Amtsniederlegung von Peter Meyer zur Kenntnis“) in der wenig von Dank und viel von Verantwortung des bisherigen Präsidenten zu lesen war. Kindergarten!
Hohn oder Selbstironie? Der ADAC schreibt über Verantwortung

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Da mag es wie Hohn oder Selbstironie klingen, dass der ADAC auf seiner Wir-über-uns-Seite noch immer mit der Floskel „Wir übernehmen Verantwortung“ aufmacht. Mit dem verpatzten Rücktritt des Präsidenten hat der Automobilclub endgültig die Chance verspielt, aus der passiven Rolle des Überführten in die aktive Rolle des Selbsterneuerers zu wechseln. Die kommunikativen Maßnahmen der letzten Tage, darunter das vorgestellte Zehn-Punkte-Programm waren erkennbar darauf gerichtet, das Establishment von Peter Meyer und den übrigen Regionalfürsten zu schützen. Dieser Versuch ist gescheitert. Gleichzeitig wurde damit Zeit für andere Maßnahmen verschenkt. In der Öffentlichkeit setzt sich die Überzeugung durch, dass ein Automobilclub, dem gesellschaftliche Anstandsbegriffe derartig fremd sind, auch bei seinen vielen Tests wenig anständig gehandelt haben könne. Er verliert damit täglich an Kredit. Es bleibt fraglich, ob die Kommunikationsprofis von CNC diesen Scherbenhaufen jemals werden kitten können.

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