Über Kerbenjournalismus – was Alice Schwarzer und der ADAC gemeinsam haben und was nicht

Wer heute das Pech hat, mit einem Skandal in den Medien zu landen – und das waren in der letzten Zeit erschreckend Viele – tut gut daran, mit offenen Karten zu spielen und einen glaubwürdigen Kurswechsel zu vollziehen. In jüngster Zeit traf der Volks- und Medienzorn Deutschlands größten Automobilclub und Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin. Doch während sich Alice Schwarzer nach einem anfänglichen Fehlstart zu einem Schritt nach vorn entschloss und eine wohl schon länger geplante Geldspende vorzog, gibt sich der ADAC hart und unbeweglich wie eine festgefahrene Bremsscheibe.

Viele Schläge in die selbe Kerbe fällen jeden Baum und Biber

Viele Schläge in die selbe Kerbe fällen jeden Baum und Biber

Die Krisenkommunikation des ADAC bestand bisher darin, den Gelber-Engel-Skandal nach Bekanntwerden zuerst einmal zu leugnen und die Presse zu beschimpfen. Zwei Tage nach der Preisverleihung wurde der oberste Kommunikationschef Michael Ramstetter in die Wüste geschickt und als egomanischer Einzeltäter präsentiert. Als Schweigegeld gab es die Weiterzahlung seiner Bezüge bis zum Jahresende.

Anschließend traten wechselseitig ADAC-Präsident Gerd Meyer und Geschäftsführer Karl Obermair im Alleingang vor die Presse und gaben nicht mit einander abgesprochene und offensichtlich widersprüchliche Statements ab. Wer jetzt meint, hier zeige sich, dass der ADAC eben doch nur ein motorisierter Kleingartenverein mit ebensolcher Außenkommunikation sei: Dem ist mitnichten so. Der Club hat sich die Profis von CNC  als Krisenhelfer an seine Seite geholt. Die sollten eigentlich wissen, was sie tun.

Zum Vergleich der Patzer von Alice Schwarzer: Sie nörgelte auf ihrer Homepage über den Zeitpunkt, zu dem ihre Steuerhinterziehung durch die Berichterstattung des SPIEGEL öffentlich wurde. Sie vermutete Kampagnenjournalismus und hielt ihr Vergehen nach Zahlung der Minimalgeldstrafe für den nicht verjährten Teil der Hinterziehung für erledigt. Dafür bekam sie zwei Tage lang viele wütende Kommentare zu lesen und zu hören.  Seit ihrer Geldspende ist es stiller um Alice Schwarzer geworden.

Für Journalisten ist ein einmal bekannt gewordener Skandal eine gute Gelegenheit, weitere Geschichten über den selben Akteur zu veröffentlichen. Die Öffentlichkeit giert nach weiteren Geschichten und einer Eskalation, es werden Wetten über Rücktritte abgeschlossen. Außerdem gibt es stets großen Futterneid unter Journalisten. Undenkbar, dass ein Medium einen Skandal exklusiv hat und einen Vorsitzenden oder Promi im Alleingang zur Strecke bringt. Schnell wollen auch andere etwas herausfinden, wühlen im Dreck, hauen in die selbe Kerbe und betreiben so „Kerbenjournalismus“. In der Hoffnung, den Beschädigten irgendwann gemeinsam zu fällen.

Komfortabel daran: Journalisten müssen keine Klagen und Anzeigenboykotte seitens des angeschlagenen Akteurs befürchten, denn der steht so unter Beschuss, dass er sich meist nur noch defensiv verhält. Und so werden schon lange bekannte Geschichten aufgewärmt oder aufgebauscht. Wie seinerzeit im Fall Christian Wulff, wo sich die Journaille am Ende nicht mal mehr zu blöd war, über ein geschenktes Bobby Car zu berichten.

Schauen wir uns die bisherige Nachberichterstattung zu Alice Schwarzer und zum ADAC an.

Über Alice Schwarzer wurde berichtet:

  • Ihr öffentlich geförderter Kölner Frauenturm hat eine unstatthafte Rechnung über 100 Euro ausgestellt ( eine Geschichte, die vor einer Woche noch niemanden interessiert hätte).

Über den ADAC wurde berichtet:

  • Funktionäre flogen mit ADAC-Rettungshubschraubern zu dienstlichen Terminen
  • Der Sohn einer ADAC-Mitarbeiterin flog im Rettungsjet mit nach Ägypten
  • Der ADAC hat für einen seiner Regionalfürsten eine mondäne Dienstvilla gebaut und vermietet ihm diese
  • ADAC-Pannenhelfer erhalten Provisionen für den Verkauf von Ersatzbatterien
  • Die Reihenfolge der Preisträger beim Gelben Engel ist möglicherweise doch gefälscht worden
  • In Braunschweig wurde ein ADAC-Hubschrauber zum Trocknen eines Fußballfeldes missbraucht
  • Der ADAC begründet Beitragserhöhungen mit falschen Zahlen
  • Der ADAC hat Reifenherstellern Gelegenheit gegeben, Testmuster für Reifentests zu optimieren
  • Der ADAC erfasst Vereinsaustritte nur verzögert um die Auswirkung des Skandals herunterzuspielen
  • Autohersteller wollen gewonnene ADAC-Preise zurückgeben
Gelber Engel: Der Skandal nimmt kein Ende

Gelber Engel: Der Skandal nimmt kein Ende

Viele dieser Skandale sind in normalen Zeiten nicht berichtenswert, aber im Kontext der aktuellen Stimmung werden sie es. Kerbenjournalismus ist oft auch Themenrecycling für alte Kamellen. Oft bestimmt erst der Volkszorn, was ein Skandal ist und was nicht. Journalisten wissen das. Ihre Berichterstattung funktioniert dabei wie die chinesische Wasserfolter. Jeder einzelne Tropfen auf den Kopf des Gefolterten ist harmlos – aber wenn genug Tropfen gefallen sind, wird das Opfer wahnsinnig.

Bisher ungeschlagene Testsieger in der Medien-Disziplin „Glaubwürdiger Rücktritt“ ist übrigens weiterhin die ehemalige Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. Die Landesbischöfin trat 2010 von allen kirchlichen Ämtern zurück, nachdem sie von der Hannoveraner Polizei nachts mit Alkohol am Steuer erwischt wurde. Der Rücktritt war bereits erfolgt, noch ehe die ersten Großbuchstabenzeitungen die Worte Empörung oder Skandal auch nur hatten buchstabieren können. Es gab keine Beschwichtigungen von Käßmann, dass ein Verkehrsverstoß nichts mit ihren kirchlichen Ämtern zu tun habe. Keine Spekulationen Ihrerseits über eine böswillige Medienkampagne. Kein Wort der Beschwichtigung.

Gesicht zeigen, Bereuen, Rücktritt! Ein Maßstab für Andere. Seitdem ist Käßmann in Deutschland regelmäßig im Gespräch für höhere Ämter, darunter zuletzt die Wulff-Nachfolge als möglich erste deutsche Bundespräsidentin. Und kein Medium hat seitdem über weitere Skandal, echte oder vermeintliche, aus dem Leben von Margot Käßmann spekuliert. Ein Sieg gegen den Kerbenjournalismus.

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