Haribo aufs Doppelklo – wie der Dritte Weltkrieg begann

Wer noch einen Beleg für die Theorie gebraucht hätte, dass das Internet zwar schier grenzenlosen Raum für immer mehr Informationen bietet, der tatsächliche Wert der dargebotenen Inhalte aber eine Konstante bleibt, fühlt sich zunehmend von der Realität bestätigt, ja geradezu niedergetrampelt.

Haribo kann's nicht lassen: Jetzt auch Pandatatzen im Essen.

Haribo kann’s nicht lassen: Jetzt auch Pandatatzen im Essen.

Die gargantueske Gier der Social Media nach leicht verdaulichem Augen- und Ohrenfutter und die ubiquitäre Verfügbarkeit von Fotohandys, deren Linsen auch bei banalsten Inhalten nicht vor Scham beschlagen, machen es möglich. Trotz mahnender Worte amerikanischer Forscher überflutet der durchschnittliche Kantinengänger Pinterest und Instagram mit Schnitzel und Pommes, Götterspeise und Forelle Müllerin, als bräche morgen eine Hungersnot aus.

Jeder gewöhnliche Straßenkater wird inzwischen öfter fotografiert und der Weltöffentlichkeit präsentiert als Marylin Monroe in ihren schönsten Tagen. Auf rund 100 Petabyte beläuft sich das Datenvolumen der bei Facebook aggregierten Fotos und Videos. Tendenz weiterhin stark steigend.

Doch weil zu viel Stumpfsinn irgendwann auch im einfältigsten Großhirn Phantomschmerz auslöst, wächst im Schatten von Kartoffelpüree- und Kater-Mikesch-Bildern auch die Sucht nach jenem Höherem, das Geist und Seele zusammenhält.

Nach Aristoteles ist besonders die Tragödie dazu angetan, die menschliche Seele durch ihre kathartische Kraft zu läutern. Aber weil selbst der beste Regisseur die Geschichten von Scarlett O’Hara oder den Dornenvögeln nicht in einen Sechssekünder bei Vine hineinpresst, hat das Netz die tägliche Dosis aristotelischer Gefühlsduselei komprimiert und neu erfunden. Zum Beispiel in Gestalt anklickbarer Empörungs-Häppchen nebst zu Herzen gehender Textappelle. Per Like-Button klicken wir für den Weltfrieden und gegen Kindesmissbrauch, für mehr Umweltschutz und weniger Markus Lanz. So als würden ein paar Klicks irgendetwas ändern.

Und das tun sie ja tatsächlich. Denn wenn der virtuelle Mob in Gestalt von hunderttausend Kurzzeit-Empörten sich nur hartnäckig genug zusammenrottet und auf dem Weg zur Arbeit noch schnell ein par Zeilen der Verachtung in das Smartphone rotzt, schrillen bei den Social-Media-Teams der Betroffenen bald die Alarmglocken. Es werden Serverkapazitäten für den anrollenden Besuchersturm gebucht, Call-Center-Droiden mit Beschwichtigungstexten befüllt und Wordings für die feixende Journalisten aufgesetzt.

Nach kurzer Zeit ist die Meute dann weitergezogen. Sie hat sich an der virtuellen Klagemauer erleichtert, das letzte Tröpfchen abgeschlagen und ist bereits wieder auf der Suche nach dem nächsten Skandal. Doch weil alle großen Themen des Lebens bereits abgehandelt sind, richten wir unsere Empörung zunehmend auf Banales.

Jüngst erlebte Süßwarenhersteller Haribo mit seiner Fruchtgummi-Mischung „Skipper-Mix“ einen Shitstorm, weil die darin enthaltenen Südsee-Masken zu sehr nach Südsee-Masken aussahen. Geübt entzündete die Meute ihre stets bereit gehaltenen Fackeln und brüllte „Rassismus“. Der Bonner Lakritze-Hersteller reagierte schnell und gab Süßes und klein bei, bevor der Mob „Saures“ rufen konnte. Die Fruchtgummi-Mischung wurde im Zeichen der Political Correctness erst redesigned, dann aus dem Handel genommen. Für eine bessere Welt.

Geht’s noch nichtiger? Aber klar. Während ich dies schreibe, laufen gerade unzählige Tweets und Statusmeldungen um den Globus, weil ein britischer Journalist eine nicht per Trennwand separierte Doppeltoilette im Olympia-Austragungsort Sootschi fotografiert hat. Je nach Herkunft und Lesart steht das Foto für russische Schlamperei am Bau, einen in ehemaligen Ostblockstaaten angeblich notorischen Mangel an Rücksichtnahme auf Privatsphäre oder die britische Herablassung gegenüber den aus ihrer Sicht unzivilisierten Russen. Der Doppelklo-Skandal war Thema bei Russlands Olympia-Chef Alexander Schukow und im Moskauer Außenministerium. Zwischenzeitlich dürfte sich auch Russlands Staatschef Putin damit befasst haben. Erstaunlich, dass noch keine Botschafter einbestellt und keine Truppen in Alarmbereitschaft versetzt wurden. Kann ja noch kommen.

Lassen wir zum Abschluss den großen Internet-Philosophen Joseph Weizenbaum zu Wort kommen. Der erklärte einst, dass das Internet ein großer Misthaufen sei, in dem aber viele Perlen zu finden seien. Stimmt. An  manchen Tagen ist das Internet aber auch einfach nur ein Misthaufen voller Mist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.