Journalisten in der Krisenkommunikation: Unprofessionell bis peinlich

Keine Berufsgruppe ist so nah an den Krisen der Anderen wie Journalisten. Wo ein Unternehmen in Schieflage gerät, ein Politiker wegen eines falschen Satzes zurücktreten muss oder ein Skandal bei einem bis dahin höchst angesehenen Verein öffentlich wird: Immer sind es Journalisten, die als Erste über die Krise schreiben, Stellungnahmen von den Verantwortlichen einfordern und in Leitartikeln und Kommentaren die Moralfrage stellen. Eigentlich, so müsste man meinen, sind Journalisten echte Krisenprofis. Keiner sollte so gut wissen wie sie, wie man mit Krisen und Skandalen umgeht. Eigentlich.

Umso erstaunlicher sieht die Realität aus. Oft sind es gerade die erfahrensten Journalisten und Publizisten, die in Krisen so ziemlich alles falsch machen:

Glücklos als Kieler Oberbürgermeisterin: Susanne Gaschke

Glücklos als Kieler Oberbürgermeisterin: Susanne Gaschke

Da ist die Journalistin Susanne Gaschke. Sie volontiert bei den Kieler Nachrichten, wechselt später zur ZEIT nach Hamburg, wird schließlich Herausgeberin des Kindermagazins ZEIT LEO. Fast 15 Jahre Medienerfahrung und als Fachfrau für Familien- und Bildungspolitik durchaus in der Lage, komplexe und kritische Themen verständlich und mit der notwendigen Empathie zu behandeln. Doch dann wechselt Gaschke, deren Ehemann im Bundstag sitzt, in die Kommunalpolitik und wird Oberbürgermeisterin in Kiel. Kaum im Amt, erlässt sie einem stadtbekannten Augenarzt einen Teil seiner Steuerschulden. Offensichtlich rechtswidrig, wie die Kommunalaufsicht feststellt. Als Journalistin hätte Gaschke nun den Rücktritt der Oberbürgermeisterin gefordert. Als Oberbürgermeisterin aber klammert sich Gaschke ans Amt. Sie teilt öffentlich gegen den Ministerpräsidenten aus, verbietet sich Einmischungen durch Dritte. Als gar nichts mehr geht und der Skandal sich über Monate quälend hinzieht, nimmt sie schließlich widerwillig ihren Hut. In ihrer Rücktrittsrede gibt sie sich beleidigt und tritt nach. Sie spricht vom „Hass“ der Medien und speziell der Lokalzeitung Kieler Nachrichten. Jener Zeitung bei der sie einst volontiert hat. Einen Redakteur geht sie sogar namentlich an. Schuld an ihrem Sturz ist nicht der Skandal. Schuld sind „testosterongesteuerte Politik- und Medientypen“. So sieht es Susanne Gaschke. Und tritt ab. Ein würdevoller Rücktritt sieht anders aus. Das findet auch der NDR. Dessen Medienmagazin ZAPP mahnt: „Hätte sie als Politikerin besser geschwiegen, wo eine Journalistin laut nach Aufklärung ruft?“

Theo Sommer: Verurteilt wegen Steuerhinterziehung

Theo Sommer: Verurteilt wegen Steuerhinterziehung

Noch einmal die ZEIT: Anfang 2014 wird Theodor Sommer, ihr langjähriger Chefredakteur und Herausgeber, vom Hamburger Landgericht wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten verurteilt. Es geht um eine Steuerschuld in Höhe von stolzen 649.917,99 Euro. Für die meisten Bürger ist das eine gewaltige Summe. Kaum vorstellbar, so viel Geld in der Steuererklärung zu vergessen. Sommer erklärt es mit „Schusseligkeit oder Schlamperei“. Immerhin gehe es nur um eine einzige Einkommensquelle. Der selbe Theo Sommer, der einst gemahnt hatte, dass unserem Gesellschaftssystem „dasselbe Schicksal wie dem kommunistisch geprägten Sozialismus im 20. Jahrhundert“ drohe, „wenn es ihm nicht gelinge, Wettbewerbsfähigkeit mit gesellschaftlicher Solidarität zu verbinden.“ Der selbe Theo Sommer lässt es an ebendieser gesellschaftlichen Solidarität mangeln. Und klagt, dass er die hinterzogenen Steuern nur „unter Inkaufnahme großer Opfer für meine Altersversorgung und die meiner Frau“ habe leisten können. Als wenn es ein Anrecht darauf gebe, für den eigenen Ruhestand Schwarzgeld zu bunkern. Beleidigt erklärt Sommer: „Ich bin kein Uli Hoeneß.“ Stimmt sogar. Sommer versteht nichts von Fußball.

Matthias Matussek: Kulturchef tritt nach

Matthias Matussek: Kulturchef tritt nach (Foto: Christliches Medienmagazin pro)

Wenige Wochen später entlässt der SPIEGEL seinen Kulturchef Matthias Matussek. Beim SPIEGEL, so muss man wissen, läuft wenig rund, seit dessen mächtige Mitarbeiter-KG den sonnenkönigsgleich herrschenden Chefredakteur Stefan Aust in die Wüste geschickt hat. Die in seiner Nachfolge installierte Doppelspitze nach Stern-Vorbild aus Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo war sich nie grün und in Rekordzeit abserviert. Deren Nachfolger Wolfgang Büchner macht schon vor dem Amtsantritt mit unglücklichen Personalentscheidungen von sich reden. Seine Berufung des Bild-Mannes Nikolaus Blome zum Stellvertreter lässt die Spiegel-Redakteure einer Boulevardisierung ihres Blattes fürchten. Sie laufen Sturm, sammeln Unterschriften. Unter den Augen der erstaunten Medienöffentlichkeit liefert sich das Blatt Flügelkämpfe. Am Ende kommt Blome trotzdem. Kurz darauf wird mit Martin Doerry ein Büchner-Stellvertreter entmachtet. Und schließlich muss auch noch Matussek gehen. Und findet bei der WELT Asyl. Und weil Journalisten es eben nicht gewohnt sind, in Krisen Demut zu zeigen, teilt Matussek von dort so richtig aus und beschimpft die Ex-Kollegen. SPIEGEL-Redakteur Moritz von Uslar: „ein Großmaul„.  Die Kollegin, die seine Absetzung betrieb: „journalistisch eine Vollniete“. SPIEGEL-Redakteur Georg Diez: „ein Schienbeintreter.” Der gebürtige Münsteraner und bekennde Papst-Fan Matussek lebt unter den staunenden Augen der Medienöffentlichkeit alttestamentarische Rachephantasien aus. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Gute Krisenkommunikation geht anders. Auch hier zeigt sich wieder wie im Fall Gaschke: ein würdevoller Abgang sieht anders aus.

Alice Schwarzer: Ikone ohne Unrechtsbewusstsein (Foto: Manfred Werner)

Alice Schwarzer: Ikone ohne Unrechtsbewusstsein (Foto: Manfred Werner)

Doch kaum haben sich die feixenden Kollegen Kultur- und Medienjournalisten nach der Causa Matussek wieder wohlig in ihre knarzenden Fauteuils fallen lassen, folgt die nächste journalistisch-öffentliche Selbstzerlegung: Alice Schwarzer, Gründerin und Chefredakteurin der Zeitschrift Emma und Ikone der Frauenbewegung wird der Steuerhinterziehung überführt. Und irgendjemand verrät es dem Spiegel. Das Blatt hält die delikate Geschichte zwei Wochen zurück, berichtet dann aber doch. Zwar gelingt es Schwarzer, strafrechtliche Konsequenzen durch eine Selbstanzeige zu ersticken, aber die moralische Schuld bleibt. Zudem zahlt Schwarzer gerade einmal so viele Steuern nach, wie es strafrechtlich relevant ist. Schulden, die älter als zehn Jahre sind, sind nämlich schon verjährt. Anstatt reinen Tisch zu machen, transpiriert Schwarzer auf ihrer Website Verschwörungstheorien. Der Zeitpunkt der Öffentlichmachung, so Schwarzer, könne kein Zufall sein. Denn gerade jetzt mache sich sich doch stark gegen Prositution und Ehegattensplitting. Und dann sei da ja noch ihre klare Haltung im Fall Kachelmann. Wie darf man das verstehen? Weil Frau Schwarzer gegen das Ehegattensplitting ist, verpfeift jemand ihr Schweizer Bankkonto? Nicht sehr glaubhaft. Und welchen Zeitpunkt hätte Schwarzer für die Enttarnung ihres Kontos nicht als bösen Zufall bezeichnet? Wäre es ihr zu anderer Zeit genehmer gewesen? Schwer vorstellbar. Demut und Schuldbewusstein: Auch hier Fehlanzeige. Focus Online höhnt: „Alice Schwarzer sieht sich als armes Opfer“

Woran liegt es, dass Journalisten so schlechte Krisenkommunikatoren sind und statt Wasser regelmäßig Öl ins selbstentfachte Feuer der öffentlichen Empörung gießen? Selbstgerechtigkeit? Selbstüberschätzung? Mangelnde Empathie? Es bleibt ein Rätsel. Vor diesem Hintergrund kann man Unternehmen und Verbänden in Krisen wohl nur einen Tipp geben: Lassen Sie sich in Krisen keine Tipps von Journalisten geben. Das wäre Selbstmord.

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