Solarindustrie – eine Branche in der Krise

Kaum eine Branche hat in den letzten Jahren einen so kometenhaften Aufstieg erlebt und steht jetzt vor einem so tiefen Fall wie die Solarindustrie. Die Insolvenzen von Conergy und Prokon und die im letzten Jahr gerade noch abgewendete Pleite von Solarworld stehen für eine tiefe Strukturkrise einer noch jungen Branche.

Noch vor zehn Jahren sagte die Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft e.V. (USV) voraus, dass bis zum Jahr 2010 rund 100.000 Menschen in Deutschland in der Solarindustrie arbeiten könnten. Nach den jüngsten Entlassungen sind es aktuell weniger als 5.000 Beschäftigte. Das jedenfalls vermeldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Berufung auf noch unveröffentlichte Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Zum Vergleich: Das sind gerade mal doppelt so viele Beschäftigte, wie es Hufschmiede in Deutschland gibt. Und das wenig beachtete Schaustellergewerbe, das anders als die Solarbranche ganz ohne staatliche Subventionen auskommen muss, bietet in Deutschland derzeit rund 45.000 Vollzeitarbeitsplätze, also etwa zehnmal mehr.

Gerechtigkeitsdilemma: Solar-Förderprogramme speziell für Hausbesitzer sorgen für Unmut bei Mietern

Gerechtigkeitsdilemma: Solar-Förderprogramme speziell für Hausbesitzer sorgen für Unmut bei Mietern

Wie kaum eine andere Branche war die Solarindustrie in ihrer Blütezeit vom staatlichen Wohlwollen abhängig. Politische Protektion im Dienst der guten Sache wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die KfW-Förderprogramme für Bauherren und Hausbesitzer machten die private Installation von Solaranlagen überhaupt erst wirtschaftlich interessant und gaben damit der Branche ihre ökonomische Basis. Doch die Konkurrenz aus China entdeckte das Geschäft bald für sich und startete einen für die europäischen Anbieter ruinösen Preiskampf. Schutzzölle gegen die chinesischen Billigimporte verfehlten ihren Zweck. Als der Bund begann, seine Förderprogramme abzuschmelzen, war endgültig die Luft raus: Der einstige Überflieger Solarindustrie wechselte in den steilen Sinkflug.

Betrachten wir den Abstieg der Branche von der kommunikativen Seite: Welche Fehler hat die Solarindustrie in der Außendarstellung gemacht, die mit zu ihrem Abstieg beigetragen haben?

Der Solargedanke ist elitär. Die Hausbesitzerquote in Deutschland ist traditionell niedrig – deutlich niedriger als in den meisten Nachbarländern. Gerade einmal die Hälfte der Deutschen wohnt in den eigenen vier Wänden. Viele davon in Eigentumswohnungen.  Doch für Mieter und Besitzer von Eigentumswohnungen sind die Förderprogramme für Solarenergie nicht gemacht. Ein großer Teil der Deutschen ist somit vom Solarboom ausgeschlossen und erlebt allenfalls seine negativen Ausprägungen über die Stromrechnung. Zwar gibt es auch für Mieter die Möglichkeit, etwa über Solar-Fonds oder gemietete oder gepachtete Flächen Fördermittel in Anspruch zu nehmen – doch in der Praxis wird hiervon kaum Gebrauch gemacht. Und allein das bestimmt die Wahrnehmung.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) war ein kommunikatives Desaster: Die Stromrechnung führt zum nächsten Problem der Solarindustrie. Beim Geld hört für die meisten Deutschen die Bereitschaft zum Umweltschutz auf (sofern die Solarindustrie überhaupt praktischen Umweltschutz betreibt – dazu später mehr). Der Gedanke hinter dem EEG war es, erneuerbare Energien nicht aus Steuermitteln, sondern über die Stromrechnung zu fördern.Doch direkte Strafgebühren und Zahlungen, die nicht in allgemeinen Steuern und Abgaben versteckt werden, werden überproportional wahrgenommen und sorgen für Verärgerung. Ein Beispiel: Die Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal hätte kaum jemanden gestört, wenn sie in Form von 3,30 Euro pro Monat als Teil des Krankenkassenbeitrages direkt vom Lohn abgebucht worden wäre. So aber war sie ein großes Ärgernis für viele Patienten – und wurde schließlich wieder abgeschafft. Ähnliche Phänomene sind von der Kurtaxe oder den Flughafengebühren bekannt. Auch sie werden im Verhältnis zum Gesamtpreis überproportional vom Kunden/Urlauber wahrgenommen, da sie separat erhoben und ausgewiesen werden. Als zudem bekannt wurde, dass immer mehr Unternehmen mit besonders hohem Energieverbrauch von der EEG-Abgabe befreit werden, verlor das Gesetz in weiten Teilen der Bevölkerung jeglichen Rückhalt und die dahinter stehende Politik an Glaubwürdigkeit.

Photovoltaik: Bisher nur dort wirtschaftlich, wo andere Energiequellen fehlen (Foto: Dr. Bernd Gross).

Photovoltaik: Bisher nur dort wirtschaftlich, wo andere Energiequellen fehlen (Foto: Dr. Bernd Gross)

Die Energiewende ist nicht nachhaltig. Es klingt paradox, aber unter kommunikativen Gesichtspunkten hat ausgerechnet die Energiewende keinerlei Nachhaltigkeitspotenzial. Während die hohen Kosten des Umstiegs auf nachwachsende Energieträger für den Verbraucher und die Industrie deutlich spürbar sind, bleiben deren positive Effekte aus. Weder haben sich das angekündigte Jobwunder und der technologische Innovationsschub eingestellt, noch wurde Strom für den Kunden billiger (oder gäbe es eine Perspektive auf Preissenkungen), noch wurde die Versorgung zuverlässiger. Ganz im Gegenteil drohen die großen Energienetzbetreiber bereits mit zukünftigen Stromausfällen und kündigen den Bau weiterer Überlandleitungen an. Letzteres ist gerade für die wachsende Zahl der NIMBY-Demonstranten ein großes Ärgernis und trägt ebenso zum Negativ-Image der erneuerbaren Energien bei wie die zunehmende „Verspargelung“ weiter Landschaftsteile durch Windräder. Es darf nicht vergessen werden: Die vom Kabinett Merkel II eingeleitete Energiewende als Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft wurde 2011 unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe in Japan beschlossen. Das war für viele Deutsche eine emotionale Ausnahmesituation – so außergewöhnlich, dass sie zusammen mit Stuttgart 21 sogar einen grünen Ministerpräsidenten im eigentlich tiefschwarzen Baden-Württemberg ins Amt brachte.

Winfried Kretschmann - von Fukushima und Stuttgart 21 an die Machte gespült (Foto: Rudolf Simon)

Winfried Kretschmann – von Fukushima und Stuttgart 21 an die Machte gespült (Foto: Rudolf Simon)

Derartige Angst-Effekte verpuffen jedoch mit der Zeit. Ihre Halbwertszeit liegt bei kaum mehr als ein bis zwei Jahren. Seitdem ist wieder eine Mehrheit der Deutschen gegen die Energiewende. Das Umfrageinstitut Forsa liefert hierzu Zahlen: „Mehr als drei Viertel aller Bundesbürger (77 Prozent) sind der Meinung, dass die Energieversorgung ausschließlich durch erneuerbare Energien in absehbarer Zeit nicht gelingen wird.“ Heißt im Klartext: Die meisten Deutschen erwarten einen langanhaltenden, schmerzhaften Umstieg oder einen Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg.

All diese kommunikativen Probleme machen deutlich, dass die Solarindustrie wenig Aussicht auf staatliche Rettung hat. Sie ist weder sonderlich beliebt, noch systemrelevant. Sie hat ihren Nimbus als Zukunftsbranche bereits verloren. Und seit der missglückten Holzmann-Rettung durch Kanzler Gerhard Schröder überwiegt bei einer Mehrheit der Deutschen ohnehin die Skepsis gegenüber staatlichen Rettungsmaßnahmen für einzelne Unternehmen oder Branchen.

Hat die Solarindustrie damit in Deutschland keine Zukunft? Doch, ein Hoffnungsschimmer bleibt: Nach dem harten Sinkflug, dessen Ende wohl noch lange nicht erreicht ist, könnte eine Erneuerung unter veränderten Vorzeichen stehen. Andere Branchen haben den Absturz bereits in ähnlicher Form erlebt und sind aus Krisen gestärkt hervorgegangen. Beispiele sind die vielen Internetfirmen die den Neuen Markt Anfang des Jahrtausends in den Untergang führten um schließlich mit neuen Akteuren und tragfähigeren Ideen wiederaufzuerstehen. Die deutschen und österreichischen Winzer erlebten 1985 mit dem Glykolwein-Skandal ihr Waterloo und gingen ebenfalls gestärkt und mit neuen Qualitätsprodukten aus dem selbstverursachten Absturz hervor. Auch der Solarbranche könnte ein Wiederaufstieg gelingen. Dazu wären allerdings neue Ideen und Konzepte notwendig. Und vermutlich auch neue Köpfe.

2 Gedanken zu „Solarindustrie – eine Branche in der Krise

  1. Sehr schöner Artikel.
    Die deutsche Solarbranche ist einem schweren Kamp ausgesetzt. Ein Unternehmen nach dem anderen stürzt ab. Solarworld hält sich noch. Das Unternehmen verfolge ich schon länger. Es passieren viele interessante Sachen innerhalb des Insolvenzprozesses. Hier gibt es oft gute Artikel zum Thema: http://www.finance-magazin.de/themen/solarworld/
    Aber zurück zur Solarbranche. Meiner Meinung nach wurde sehr viel einfach falsch angegangen. Besonders die Politiker haben uns Bürgern die Einstellung zu erneuerbaren Energien versaut. Es wurde einfach wieder angefangen, das Geld aus den Taschen zu ziehen und das auch noch ungerecht (EEG!!!). Dies ist, meiner Meinung nach, der Hauptverantwortliche für die schlechte Situation der Solarbranche.
    Zwar ist da auch der Preiskampf mit China, doch den hätten wir über die Qualität der Solarmodule gewinnen können.

    Gruß

    • Vielen Dank. Das EEG ist auch meiner Meinung nach voller Fehler. Sein größtes Problem ist es, dass die Mehrheit der Bürger (und Stromkunden) es als sehr ungerecht empfindet. Die Abgabenbefreiung für energieintensive Konzerne ist beim Wähler so unpopulär wie die steuerliche Selbstanzeige. Hier wird unnötig ein Imageproblem für ein im Kern wichtiges Thema generiert.

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