In den Wulff-Modus geschaltet – Pannenserie beim ADAC geht weiter

Auch in der mittlerweile dritten Skandalwoche kommt der ADAC aus seiner selbst verursachten Pannenserie nicht heraus. Der milliardenschwere Automobilclub tritt in der Öffentlichkeit wie eine inhabergeführte Schrauberbude auf und zeigt reichlich Nerven. Nachdem Ferdinand Dudenhöffer, Vorzeige-Autoexperte aus Funk und Fernsehen bereits die Zerschlagung des Clubs gefordert hatte, verwies ADAC-Präsident Peter Meyer als Antwort hierauf beleidigt auf die stattlichen Honorare, die Dudenhöffer in der Vergangenheit vom Club erhalten hatte. Auch ein umstrittener Rettungshubschrauer-Flug mit dem Automobilexperten zu einem Vortragstermin kam bei dieser Gelegenheit ans Licht.

Symbolfoto: ADAC-Ausweichsimulation mit Wildschweinrotte

Symbolfoto: ADAC-Ausweichsimulation mit Wildschweinrotte

Überraschend hingegen die neue Bescheidenheit des ADAC bei der öffentlichen Themensetzung. Hatte der Club bisher zu fast jedem Verkehrsthema von der Autobahnmaut bis zu den Kältemitteln in Klimaanlagen eine dezidierte Meinung per Pressemitteilung in die Diskussion geworfen, gelobt Meyer nun eine neue und bisher ungewohnte Zurückhaltung. Häufigeres Schweigen ist das Gebot der Stunde.

Die Neuausrichtung geschieht nicht freiwillig. Gerade formuliert Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die Rahmenbedingungen der zukünftigen PKW-Maut. Der ADAC hat hierzu in der Vergangenheit bereits Stellung genommen und würde dies gerne auch weiterhin tun. Doch Dobrindts Parteichef Horst Seehofer hat jüngst einen Warnschuss in Richtung der ADAC-Zentrale an der Münchner Hansastraße abgegeben und gemahnt, dass  „Macht, die nicht wirksam kontrolliert wird, früher oder später aus den Fugen gerät“. Heißt im Klartext: Eine Zerschlagung des ADAC ist nicht länger ausgeschlossen, sollte dieser weiterhin seine Mischform aus offensiver politischer Lobby in Vereinsgestalt und hoch profitablem Wirtschaftsunternehmen auf der anderen Seite beibehalten.

Selbst wenn das zuständige Amtsgericht München, das gerade eine Beschwerde gegen die Organisationsform das ADAC prüft, Entwarnung geben sollte: Insgeheim dürfte bereits eine Arbeitsgruppe im Bundesinnenministerium eine Revision des Vereinsgesetzes prüfen. Die Kunst hierbei ist es, eingetragenen Vereinen wirtschaftliche Aktivitäten mit Gewinnerzielungsabsicht zu erschweren, ohne dabei als Kolleteralschaden Verbände wie das Deutsche Rote Kreuz arbeitsunfähig zu machen. Mit ADAC und Rotem Kreuz wären sonst gleich zwei Säulen des Rettungswesens in Deutschland gefährdet. Eine Vorstellung, die nicht nur im Bundesinnenministerium Vielen schlaflose Nächte bereiten dürfte.

In dieser Phase der ADAC-Krise zeigt sich wieder einmal, wie ein relativ unerheblicher Anlass (Fälschen der Stimmzahlen für einen Publikumspreis ohne Veränderung des Preisträgers) in Verbindung mit anfänglichem Leugnen, Medienbeschimpfung und dem Opfern nur eines einzigen Verantwortungsträgers reichlich Porzellan zerschlagen und eine Krise verschärfen kann. Ein klassischer Medien-Dreikampf aus Leungnen, Beschimpfen, Eingestehen: Offensichtlich hat der Verein nichts aus dem Niedergang von Ex-Bundespräsident Christian Wulff gelernt, sondern kopiert weiterhin dessen missglückte Kommunikationsstrategie.

Sollten die Recherchen zu den Vortragsreisen der ehrenamtlichen ADAC-Granden weitere Verstöße gegen Sitte und Anstand ans Tageslicht bringen, dürfte der aktuelle Vorstand wohl nicht mehr zu halten sein. Und bei einem Verein, der sich in erster Linie selbst kontrolliert, findet sich für Investigativjournalisten möglicherweise noch viel Futter. Eventuell sollte sich der Club schon mal Gedanken über eine Anschlussverwendung für seinen Vorsitzenden machen.

Update: Eine Chronik der Krise:

13. Januar 2014: Der ADAC gibt das Ergebnis der Abstimmung zum „Gelben Engel“ in der Kategorie „Lieblingsauto der Deutschen“ bekannt. Gewonnen hat der VW Golf.

14. Januar 2014: Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet über Unstimmigkeiten bei der Abstimmung. Die Zahl der gültigen Stimmen in der Preiskategorie „Lieblingsauto der Deutschen sei geschönt worden. Der ADAC dementiert gegenüber der SZ, dpa und anderen Medien.

16. Januar: Der ADAC feiert in München die Preisverleihung des „Gelben Engels“. Im Rahmen der Veranstaltung weisen ADAC-Präsident Peter Meyer und ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair den Bericht in der SZ als „Unterstellungen und Unwahrheiten“ zurück. Der ADAC erhält Rückendeckung aus der Industrie.

17. Januar: Gemäß offizieller Darstellung des ADAC gesteht Kommunikationschef Michael Ramstetter am Morgen dieses Tages seine Fälschungen bei der Stimmauszählung der Vereins-Geschäftsführung. Gegenüber den Medien kündigt Ramstetter lediglich an, die Stimmauszählung zukünftig extern zu vergeben, bleibt aber bei seiner Darstellung, nicht betrogen zu haben.

19. Januar: Kehrtwende im Skandal. Ramstetter räumt die Fälschungen ein und tritt noch am selben Tag von allen seinen Ämtern zurück („Ich habe Scheiße gebaut“). Er übernimmt „die alleinige persönliche Verantwortung”.

20. Januar: Der ADAC gibt eine Pressekonferenz, räumt noch einmal die Fehler ein und bittet die Medien um Entschuldigung. Der Verein stellt Ramstetter weiter als Einzeltäter dar. ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair erklärt, er sei „fassungslos über die Dreistigkeit des Fehlverhaltens einer einzelnen Führungskraft“. Der Verein gesteht Fälschungen auch bei früheren Preisvergaben. Die Staatsanwaltschaft prüft die Aufnahme von Ermittlungen gegen den ADAC.

24. Januar: Spiegel und Stern berichten über die dienstliche Nutzung von Rettungshubschraubern durch ADAC-Präsident Peter Meyer.

26. Meyer räumt im Interview mit „Bild am Sonntag“ die Nutzung eines ADAC-Rettungsflugzeuges durch ein Familienmitglied einer ehemaligen Führungskraft ein.

27. Januar: Bild und Focus Online berichte über eine vom ADAC gebaute Dienst-„Villa“ für Regionalmanager Andreas Hartel. Die Immobilie ist nach BILD-Recherchen rund 1,5 Millionen Euro wert und wurde aus Mitgliedsbeiträgen des Vereins errichtet. Hartel zahlt für die Villa Miete – nach eigenen Angaben in angemessener Höhe.

(to be continued)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.