Die ärgerlichen 72 Stunden – der ADAC in der Wurstfalle

Im Interview mit Spiegel Online nimmt ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair Stellung zu den Vorwürfen rund um den Gelber-Engel-Skandal. Die Antworten sind natürlich erkennbar mit der Unternehmenskommunikation und der Rechtsabteilung abgestimmt und vorformuliert. Das ist auch nachvollziehbar. Immerhin kämpft der Verein um seine Glaubwürdigkeit. Da muss jedes Wort sitzen.

Obermairs größtes Problem als Geschäftsführer sind seine 72 Stunden Unwissenheit. Denn laut eigener Aussage hat er erst am Freitag nach Bekanntwerden der Manipulationsvorwürfe die tatsächlichen Abstimmungszahlen zum Gelben Engel von Ex-Kommunikationschef Michael Ramstetter erhalten. Als Grund für die 72-stündige Verzögerung nennt Obermair die vielen Veranstaltungen jener ereignisreichen Woche: „Es war klar, dass es in diesen Tagen sehr schwierig würde, die Vorgänge richtig klären zu können.“ Es erscheint wenig glaubhaft, dass sich Ramstetter und Obermair in diesen drei Tagen nicht über den Weg gelaufen sind und ihre Zeit nicht ausgereicht haben soll, um die kurze Frage „Echte Zahlen – ja oder nein“ zumindest im Vorbeigehen zu klären.

Allerdings steckt Obermair hier in einem persönlichen Dilemma. Sollten ihm die echten Zahlen tatsächlich vor der Preisverleihung bekannt gewesen sein, hätte er die Veranstaltung absagen oder zumindest den geladenen Gästen und den Medien reinen Wein einschenken müssen. Andernfalls war er Mittäter.

Hat Obermair jedoch tatsächlich erst drei Tage nach Lektüre seines Pressespiegels von Ramstetters Manipulationen erfahren, wirft das Fragen zu seiner Führungskompetenz auf. Immerhin muss ihm sofort nach Lektüre der Vorwürfe klar gewesen sein, dass hier ein virales Glaubwürdigkeitsproblem und ernstes Krisenthema vorlag. Im Verlauf des Dienstags wurde der ADAC mit Presseanfragen überhäuft – schwer vorstellbar, dass dies nicht auch bei der Präsidiumssitzung und im Rahmen der Gelber-Engel-Generalprobe diskutiert wurde.

Obermair wählt hier die klassische Erklärung aus dem Kommunikationshandbuch und zieht die Gutgläubigkeitskarte: „Ich mache mir den Vorwurf, dass ich zu lange von der Unschuld einer ADAC-Führungskraft überzeugt war und seinen Beteuerungen bedingungslos geglaubt habe.“ Sonderlich glaubhaft wirkt das nicht. Aber nach den Ereignissen der Skandalwoche hat er hier keine andere Möglichkeit. Immerhin hatte er im Rahmen der Preisverleihung noch gegen die Medien kräftig ausgeteilt und von „Unterstellungen und Unwahrheiten“ gesprochen. Auch ADAC-Präsident Peter Meyer hatte die SZ-Recherchen als „an den Haaren herbeigezogene“ Geschichte abgekanzelt und als „Skandal für den Journalismus“ bezeichnet. Starke Worte also, wie sie Unternehmensvertreter gerne noch ganz kurz vor dem absehbaren Einknicken und dem folgenden Eingeständnis verwenden.

Sollte Meyer oder Obermair für die Zeit vor der Veranstaltung eine Mitwisserschaft nachgewiesen werden, führt an ihrem Rücktritt kein Weg vorbei. Gleichzeitig ist der ADAC hier in der Wurstfalle: Wenn die Alleintätergeschichte fallen sollte und der ADAC in Salamitaktik weitere Fehler sukzessive einräumt, ist bleibender Vertrauensverlust vorprogrammiert. In der Politik werden sicher schon Modelle für eine Neuordnung des ADAC diskutiert. Der Club hatte sich zuletzt in Berlin sowie speziell bei der CSU wenig Freunde gemacht. Da sind noch Rechnungen offen.

Auch bei Investigativjournalisten löst der Vorwurf skandalöser Berichterstattung in pawlowscher Manier Recherchereflexe aus. Irgendwo gibt es da ja noch einen Whistleblower. Es bleibt spannend.

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