Der ADAC im Shitstorm: Wir sind alle nur Klickvieh!

adac-crashtest-klein

Da steht er nun wie ein begossener Pudel: Deutschland mit Abstand beliebtester Verein. Der Automobilclub, der uns nachts bei strömendem Regen mit seinen Gelben Engeln vom Pannenstreifen holt, der uns mit dem Hubschrauber in die Heimat fliegt, wenn uns irgendwo im Urlaub der Magen zwickt. Und der, so die heimliche Hoffnung der meisten seiner Mitglieder, auch dafür sorgen kann, dass die Mineralölsteuer nicht steigt und Autofahren nicht nur die größte Leidenschaft der Deutschen, sondern auch eine bezahlbare bleibt.

Jener mit 19 Millionen zweitgrößte Automobilclub der Welt, der mit seiner „Motorwelt“, dem Fachblatt für Treppenliftanzeigen und authentische Leserfragen („Was ist die Höhenkontrolle im Hamburger Elbtunnel und warum lösen die Verantwortlichen sie immer im Berufsverkehr aus?“) auch Deutschlands auflagenstärkste Zeitschrift herausgibt. Jener Club also, von dem nicht wenige dachten, er könne Wein in Benzin verwandeln. Jener ADAC – hat gelogen.

Wie die Süddeutsche Zeitung dank einiger Whistleblower in den Reihen des Automobilclubs aufgedeckt hat, haben nicht 34.299 Vereinsmitglieder, wie vom ADAC öffentlich erklärt, sondern gerade einmal 3409 den VW Golf zu ihrem Lieblingsauto gewählt. Frisiert hat die Zahlen ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter, der nach einer kurzen Phase hartnäckigen Leugnens schließlich die Konsequenzen zog und seinen Hut nahm.

Vielleicht bin ich naiv. Aber im Unterschied zu vielen klugen Menschen glaube ich nicht mal, dass der ADAC uns einen falschen Abstimmungssieger präsentiert hat. Der Golf ist so deutsch und so durchschnittlich wie Pommes, Döner und Currywurst. Wenn zehntausende – oder eben doch nur ein paar tausend – Durchschnittsmenschen abstimmen, dann gewinnt eben auch ein Durchschnittsauto. Mir erscheint das logisch.

Ich glaube vielmehr, Ramstetter war es einfach nur unsagbar peinlich. Er wollte nicht auf die Bühne der Allerheiligen-Hofkirche in München treten und den versammelten Vorständen der deutschen Automobilindustrie erklären, dass lächerliche 3409 Mitglieder seines Vereins den VW Golf mögen. In einer Welt, in der dümmliche Katzenfotos hunderttausend „Likes“ auf Facebook bekommen und ein ehemaliger belgischer Actionheld gerade mit einer Volvo-Werbung ein millionenfaches virales Comeback gefeiert hat. In einer solchen Welt wollte er nicht erklären müssen, warum ein Hauch von Nichts, nämlich gerade einmal 0,02 Prozent seiner ADAC-Mitglieder den Golf mit ein paar einfachen Klicks zum Gewinner dieses „Gelben Engels“ gemacht hatten.

Denn der ADAC ist in Deutschland nicht nur ein ausnehmend erfolgreicher Gemischtwarenladen, der uns von der irdischen Rundum-Versicherung über die himmlische (Windschutzscheiben-Christopherus-Plakette für 8,99 Euro) bis hin zu Wink-Elementen für die Fußball-Europameisterschaft 2008 (jetzt herabgesetzt auf 7,99 Euro) mit allem versorgt, was das Autofahrerherz höher schlagen lässt.

Er ist auch eine politische Macht in Deutschland. Lange Zeit wagte es kein Politiker, sich offen gegen den Club zu stellen. Der ADAC hat 19mal mehr Mitglieder als die SPD zu ihren besten Zeiten. Und 400mal mehr als die FDP von heute (zugegeben, ein unfairer Vergleich). Seine Macht ist seine Größe. Ein hupender Autokorso aller verärgerten ADAC-Mitglieder – er wäre nicht nur lang genug, um mehrmals das Berliner Regierungsviertel zu umstellen, er würde obendrein noch zweimal um den Globus reichen. Oder für etwa ein Drittel der Strecke von der Erde bis zum Mond. Wo es zwar keine Tankstellen gibt. Dafür aber viele Parkplätze.

Jetzt treten all jene ins Licht der Öffentlichkeit, die mit dem mächtigen Club noch eine Rechnung offen haben, sich aber bisher nicht getraut hatten, diese auch zu präsentieren. Sie fordern eine umfangreiche Offenlegung des Skandals, die Überprüfung aller Autotests der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Und öffentliche Buße der Vereinsoberen.

Dabei schwimmt der ADAC in seiner Gier nach Millionen – und damit ist die Zahl der Mitglieder und Aktiven gemeint, damit hier kein Missverständnis aufkommt – nur im Strom mit. Denn wer bisher dachte, dass das Internet uns ganz neue und direkte Formen der Kommunikation mit großen Unternehmen, den Parteien oder Interessenverbänden brächte, in der die Stimme jedes Einzelnen Gewicht hat, der wird eines Besseren belehrt. Immer häufiger werden wir über standardisierte Beschwerdeformulare abgefangen und mit der Aussicht auf eine zu gewinnende Playstation oder Duschhaube geködert. Unsere Mails werden von Robotern gelesen und beantwortet. Die Teddybären, die wir unseren Stars auf die virtuelle Bühne werfen, sie landen direkt im Shredder. Hat es irgendwen beim ADAC interessiert, ob diese 3409 Menschen, die dem Golf den Gelben Engel verliehen haben, etwas von Autos verstehen? Ob sie Benzin im Blut haben? Aus welchen Gründen sie abgestimmt haben? Nicht wirklich! Hauptsache, das Votum passte ins Online-Formular.

Am Ende geht es nämlich nur um Klicks, Seitenaufrufe und Verweildauer. Jene Währung, die Links bei Suchmaschinen nach oben treibt, Werbegelder sprudeln lässt und die neue Macht im Informationszeitalter repräsentiert: Gelenkte Aufmerksamkeit und Unterstützer. Damit rechtfertigen überteuerte Event- und Werbeagenturen ihre unsinnigen Gewinnspiele und Abstimmungen. Und manche andere Social-Media-Aktivität, die die Welt nicht braucht. Kurz: Wir sind bloß das dumme Klickvieh! Euch interessiert nur, dass wir klicken. Möglichst oft. Möglichst schnell. Und ohne zu fragen. Der Rest ist egal. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Oder gefälscht.

Aktuell lernt der ADAC deshalb gerade ein neues Massenphänomen des Internet kennen. Es nennt sich Shitstorm, ist äußerst individuell und phantasievoll und bricht derzeit auf allen Kanälen über den Automobilclub herein. Zumindest die beachtlichen Teilnehmerzahlen bei diesem Empörungsgewitter hätten den Verantwortlichen des Verkehrsclubs wohl gefallen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.