Bittere Schokolade – warum wir Verbraucher den Ritter-Sport-Prozess verloren haben

Am Ende kam das Urteil ganz schnell: Nach gerade einmal sechs Wochen entschied das Münchner Landgericht, dass die Stiftung Warentest nicht länger behaupten darf, der Schokoladenhersteller Ritter Sport verwende chemisch hergestelltes Aroma in seiner Voll-Nuss-Schokolade und täusche so seine Kunden.

Die Warentester hatten Mitte November 26 Nuss-Schokoladen verglichen und der Quadrate-Schokolade die Note „mangelhaft“ verpasst. Nicht etwa aus Geschmacksgründen, sondern weil der Hersteller das angeblich chemische Aroma Piperonal nicht als solches auf der Verpackung ausgewiesen hatte.

Die Schokoladenmacher aus dem schwäbischen Waldenbuch reagierten schnell und erwirkten eine Einstweilige Verfügung gegen das Testurteil. Da eine solche richterliche Verfügung nur einen sogenannten „vorläufigen Rechtsschutz“ beinhaltet, trafen sich die Parteien schließlich zum Hauptsacheverfahren vor Gericht.

Beide Seiten blieben bei ihrer Rechtsauffassung: Die Stiftung Warentest räumte ein, dass Piperonal zwar tatsächlich in geringen Mengen in der Natur vorkomme, die in der industriellen Massenproduktion benötigten Mengen aber nur künstlich herstellbar seien. Ritter Sport konterte mit einer Ehrenerklärung seines Aroma-Lieferanten Symrise, der vor Gericht glaubhaft machte, sein Piperonal sei rein natürlich. Die Richter folgten den Ausführungen der Schoko-Ritter und bescherten der Stiftung Warentest so eine ihrer ganz wenigen Niederlagen vor Gericht.

Auf den ersten Blick hat Ritter Sport damit einen Prozess gewonnen. Doch am Ende verlassen beide Prozessparteien den Gerichtssaal deutlich lädiert. Die Warentester aus Berlin werden ihre Testverfahren zukünftig noch sorgfältiger von Juristen und Lebensmittelchemikern überprüfen lassen. Denn der Prozess wird andere Testverlierer ebenfalls zum Gang vor Gericht ermuntern. Der Nimbus der unfehlbaren Produkttester ist beschädigt.

Ritter wiederum wird nun unter ständiger Beobachtung kritischer Warentester und Kunden stehen und hat einen erheblichen Imageverlust erlitten, der sich nur durch Vergessen heilen lässt: „Ein bisschen was bleibt immer hängen“, sagt schon der Volksmund.

Das eigentliche Ärgernis bei diesem Rechtsstreit aber ist der Streitgegenstand selbst. Denn die Frage, ob ein Aromastoff chemisch oder natürlich hergestellt wird, ist die vielleicht unwichtigste überhaupt. Jedes Lebensmittel wird ohnehin beim Verdauungsprozess im Körper „chemisch“ umgewandelt. Hingegen sind einige der für den Menschen gefährlichsten Inhaltsstoffe in Lebensmitteln rein „natürlich“. Die Frage, ob etwas chemisch oder natürlich ist, entspringt allein einer diffusen und unbegründeten menschlichen Angst vor dem Unbekannten.

Bei „chemisch“ hergestellten Lebensmitteln denken wir unwillkürlich an Reagenzgläser, diabolisch grinsende Chemiker und bläulich dampfende Flüssigkeiten in großen Inkubatoren. Kurz: Das komplette Frankenstein-Szenario. Chemie macht uns so viel Angst wie den ersten Steinzeitmenschen jenes unerklärliche Feuer, das vom Himmel fiel.

Nicht ohne Grund meiden Konzerne wie der Aroma-Hersteller Symrise (über 5000 Mitarbeiter, fast zwei Milliarden Euro Jahresumsatz) das Licht der Öffentlichkeit. Ihr Ruf ist schlecht. Ihre Stärke sind Lösungen für Großkunden, die immer dort auf Chemie (oder „natürliche oder „naturidentische Inhaltsstoffe“)  zurückgreifen, wo die industrielle Massenfertigung an die Grenzen von Mutter Natur stößt. Oder dort wo der Joghurt nicht mehr nach echter Vanille schmecken soll, sondern nach dem, was wir Verbraucher mittlerweile als vermeintlichen Vanillegeschmack in unseren Geschmacksknospen und Neuronen gespeichert haben.

Überhaupt, der Verbraucher: Er bleibt ein rätselhaftes Wesen. Eine große Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich die Lebensmittelampel auf Verpackungen, die hohe Konzentrationen etwa von Fett, Salz und Zucker kenntlich machen soll. Doch das ist nur Alibi. Denn unser Kaufverhalten richten wir weiter an alten Gewohnheiten aus: Wir greifen im Supermarkt nach allem, was leuchtet, glänzt oder als sogenannte Quengelware im Kassenbereich Kinder wie Erwachsene gleichermaßen schwach werden lässt.

Gesundes Gemüse lassen wir links liegen – sofern es nicht durch allerlei Beleuchtungstricks oder eine hauchzarte Beschichtung mit Glanzwachs zumindest unser ästhetisches Empfinden anspricht. Die krumme Gurke oder die unförmige Tomate haben nicht nur bei den Gleichmachern der EU-Bürokratie schlechte Chancen – auch der deutsche Verbraucher meidet sie oder kauft sie nur mit kräftigem Preisabschlag.

Wäre die Kartoffel, die „tolle Knolle“, nicht bereits der Star im deutschen Kochtopf – sie würde beim gnadenlosen Optik-Contest des vermeintlich kritischen Verbrauchers heute keinen Stich mehr bekommen und schnell wieder aus den Gemüseregalen verschwinden.

Unsere zweite große Schwäche als Verbraucher ist unser Preisbewusstsein. Böse Menschen würden hier auch von „Geiz“ sprechen. Der Bremer Tiefkühlhersteller Frosta ging fast pleite bei dem Versuch, Aroma- und Farbstoffe aus seiner Produktion zu verbannen. Die damit verbundene Preisanhebung trieb die Stammkunden scharenweise zur billigeren Konkurrenz. Starkoch Eckart Witzigmann klagte einst über seine Landsleute: „In Deutschland müssen Lebensmittel zuallererst einmal billig sein.“ Dabei geben die deutschen Verbraucher gerade einmal 15 Prozent ihrer Konsumausgaben für Lebensmittel aus. Tendenz fallend.

Gestiegen ist hingegen der Anteil der Kinder, die an Übergewicht oder Überfettung leiden. Mindestens jedes siebte Kind in Deutschland ist übergewichtig. Tendenz steigend. Könnte es da nicht, neben mangelnder Bewegung, einen Zusammenhang mit unserer Ernährung geben?

Wir sollten mehr auf Inhalte, Kalorien, Zucker und Nährwerte schauen. Und wir sollten zu mündigen Verbrauchern werden. Die Frage, ob ein Lebensmittel chemisch, natürlich oder naturidentisch ist, ist dabei absolut unerheblich. Hier wird über Symptome gestritten, nicht über Ursachen falscher Ernährung.

Die Stiftung Warentest will gegen das Münchner Schokoladenurteil in Berufung gehen. Ihr geht es dabei allein um ihren lädierten Ruf, nicht um unsere Ernährung. Dem Verbraucher wird das nichts nutzen. Und unser Essverhalten nicht verbessern.

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