Fall Schumacher: Die Leeren des Journalismus

Früher, zu seligen Papierzeiten, als Journalisten noch „auf Zeile schreiben“ und Zeitungsseiten exakt füllen mussten, da waren sie gefürchtet: Jene knappen Eilmeldungen, die kurz vor Redaktionsschluss eintrafen, wenig Inhalt boten aber wichtig genug für einen Vierspalter auf Seite Eins waren: „+++ Titanic gesunken – weitere Informationen folgen +++“ Da musste der Text mit Füllwörtern und Spekulationen aufgeblasen und wie Kaugummi in die Länge gezogen werden.

Zum Glück ist heute alles besser: Im Internet-Zeitalter ist das Schreiben auf Zeile Geschichte. Und der Leser bestimmt durch sein Klick-Verhalten selbst, welche Nachrichten er wichtig findet, „liked“ und „shared“ und durch fleißiges Kommentieren auf den News-Seiten nach oben wandern lässt. Top-Meldung ist das, was gelesen wird. Kaugummi gibt es nicht mehr.

Aber ist es wirklich so? Drei Tage nach Weihnachten verunglückt ein bekannter Sportler. Nicht bei der Ausübung seines Sportes, sondern beim Skifahren. Die den Medien vorliegenden Informationen über den Unfall reichen gerade mal aus, um die Rückseite einer Briefmarke zu füllen. Der Rest ist Spekulation.

Also lässt man Reporter vor einem Krankenhaus in Frankreich in der Kälte herumstehen. Sie sollen durch Nähe wettmachen, was ihnen an Inhalten fehlt. Die behandelnden Ärzte schweigen und beschränken sich auf das, was sie hoffentlich am Besten können: einen Patienten behandeln. Die Journalisten machen das, was sie ebenfalls am Besten können: Sie fabrizieren heiße, nein, lauwarme Luft.

Die Tagesschau erklärt den Unfall zur Top-Meldung des Tages und spendiert ihm ein Drittel ihrer Sendezeit. Dabei vollbringt sie das zweifelhafte Kunststück, einen Beitrag völlig ohne neue Inhalte abzuliefern. Fünf Minuten in Deutschlands wichtigstem Nachrichtenformat – mit dem Nachrichtenwert eines Testbildes. Und der Rest der Medienhorde marschiert im Gleichschritt mit und wiederholt Bekanntes, Inhaltsleeres.

Am selben Tag sterben bei Anschlägen in Russland 17 Menschen, geht ein Bürgerkrieg in Syrien bald in sein viertes Jahr und schwelt der NSA-Überwachungsskandal, den die Medien weiterhin hauptsächlich mit Agentur-Material lieblos abarbeiten. Doch wer hierüber mehr erfahren möchte, muss in den Tiefen des Web forschen.

Sicher, liebe Journalistenkollegen, ich kenne Eure Rechtfertigung: Ihr sendet nur das, was Eure Leser angeblich auch interessiert. Immerhin gibt es einen je nach Lesart „berechtigten“ oder „unstillbaren“ Bedarf an Boulevard, Crime und Society-Themen. Die Meute will gefüttert werden. Hintergrundberichte über Ernstes, Politisches und Komplexes liest nun mal keiner.

Aber ist das wirklich so? Gibt Euch die Freiheit des Internet etwa nicht die Möglichkeit, auch mal ein paar Zeilen über andere Dinge zu schreiben? Vielleicht sogar exklusiv? Könnte man Leser nicht mal auf neue Themen aufmerksam machen? Habt Ihr nicht dank Twitter, Facebook und WikiLeaks endlich globalen und unzensierten Zugang zu Nichtregierungsorganisationen, Oppositions-Parteien und Bürgerrechtlern aus aller Welt? Was macht Ihr mit diesem Schatz, auf den Ihr sogar bequem von Eurem Redaktionsschreibtisch aus zugreifen könnt?

Hätte Euer Kollege, den Ihr als Priester verkleidet in das Krankenhaus in Grenoble geschickt habt um dort einen wehrlosen Patienten mit seiner Kamera abzuschießen mit seiner Zeit nichts Besseres anfangen können?

Manchmal erinnert mich Euer Verhalten an einen Drogendealer, der Schulkinder auf dem Pausenhof mit Gratis-Heroin anfixt und sich dann im Brustton der Entrüstung beschwert, dass sein Tun nicht illegal sein könne, da er doch nur eine legitime Nachfrage bediene. Versucht doch mal, den Teenagern etwas anderes zu verkaufen. Vielleicht wundert Ihr Euch am Ende über das Ergebnis.

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