Immer auf die Großen – warum wir die Kleinen lieben, aber bei den Großen kaufen

Ab dem wievielten Mitarbeiter wird ein Unternehmen böse? Ist es der zehnte, der hunderste oder erst der zehntausendste? Niemand kann diese Frage beantworten und doch gelten große Konzerne in Deutschland als böse und gemein. Wir unterstellen ihnen, dass sie ihre Mitarbeiter und Kunden schlecht behandeln und keine Steuern zahlen. Außerdem streben sie nach der Weltherrschaft. Dem Kleingewerbe vor Ort hingegen gilt unsere Sympathie. Wir kaufen fürs gute Gewissen regional und empfehlen unseren Freunden den örtlichen Gemüsehändler oder das lokale Kino.

Ich habe in meinem Berufsleben für kleine, mittelständische und auch sehr große Unternehmen gearbeitet. Überall habe ich positive und negative Beispiele für den Umgang mit Kunden und Mitarbeitern erlebt. Es gibt keinen statistischen Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und Unternehmensgröße. Auch nicht beim Steuer- oder Subventionsbetrug. Große Konzerne beschäftigen ganze Abteilungen, die nach Steuerparadiesen, staatlichen Fördermitteln und Gesetzeslücken suchen. Kleine Unternehmen betrügen anders: So gilt die Gastronomie als Branche mit einem der höchsten Anteile von Schwarzarbeit – eine Branche, in der es fast nur kleine und mittelständische Unternehmen gibt. Und während wir über die Löhne und Arbeitsbedingungen beim Versandkaufhaus Amazon schimpfen, zahlt irgendwo ein kleiner Versandhändler seinen Mitarbeitern deutlich niedrige Löhne.

Ist es vielleicht der globale Anspruch, der uns die Großen unsympathisch macht? Doch auch viele kleine Unternehmen sind lägst internationale Marktführer geworden.

Rund 80 Prozent des Weltmarktes für Spezialklebstoffe für Kreditkarten-Chips beherrscht beispielsweise ein Unternehmen aus der deutschen Provinz. Ein anderer deutscher Mittelständler dominiert den weltweiten Bedarf an Spezial-Bühnentechnik zu fast hundert Prozent. Wie nennen wir solche kleinen Marktführer? Wir sprechen ehrfurchtsvoll von „Hidden Champions“. Hätten die selben Unternehmen zehntausend Mitarbeiter mehr, würden wir ängstlich nach dem Kartellamt rufen und finstere Machenschaften wittern.

Wie unlogisch unsere ablehnende Haltung gegenüber großen Unternehmen ist, führt uns ausgerechnet das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) vor Augen. Denn um die ungeliebte EEG-Umlage beim Stromkauf zu sparen, haben sich manche Firmen in mehrere Einzelunternehmen aufgeteilt, die aufgrund einer Gesetzeslücke nun günstiger Strom kaufen können. Nach unserer Logik „klein = gut“ sind diese vielen kleinen Firmen jeweils besser und anständiger als das größere Unternehmen, aus dem sie hervorgegangen sind. Dabei war der Auslöser für die Aufteilung doch ein höchst unsozialer Stromspartrick. Warum fallen wir darauf herein?

Es war ein Unternehmen mit gerade einmal einer Handvoll Mitarbeitern, in dem Gottlieb Daimler 1885 seinen Reitwagen als Vorläufer des Automobils erfand. Heute hat der nach ihm benannte Konzern rund 300.000 Beschäftigte. Sind die Autos von 2014 deswegen schlechter als die von 1885?

Die Entwicklung eines neuen Medikamentes bis hin zur Marktreife kostet heute mehrere hundert Millionen Euro. Kein kleiner Garagenbetrieb kann sich das leisten. Das nächste Präparat gegen Aids, Krebs oder andere Geißeln der Menschheit wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem großen Pharmakonzern kommen. Wer sonst könnte die jahrelange Forschung finanzieren? Das Produkt werden wir lieben – den Hersteller werden wir dafür verachten. Paradox.

Noch paradoxer wird unserer Verhalten, wenn wir uns beim Konsum kritisch selbst beobachten. Täglich kaufen wir Produkte von großen Unternehmen. Unser Auto, unser Handy, unser Bücherregal aus dem schwedischen Möbelhaus – ausnahmslos Waren, die erst durch hunderttausendfache Massenfertigung überhaupt erschwinglich werden: Massenfertigung, wie es sie nur in großen, hoch spezialisierten Konzernen gibt.

Haben wir unseren Grundbedarf dort gedeckt, machen wir uns auf die Suche nach dem Besonderen: Das Designerstück aus der kleinen Galerie im Künstlerviertel. Oder die unvergleichlich leckere Pasta aus dem liebevoll inhabergeführten italienischen Restaurant.

Insgeheim haben wir also längst erkannt, dass unsere Gesellschaft beides braucht: Die Großen und die Kleinen. Gerade kleine Unternehmen sind wendig, greifen neue Ideen schnell auf und entwickeln daraus marktgängige Produkte. Aber wenn eine Idee gut ist und vielen Menschen gefällt, wird das dahinter stehende Unternehmen mit dieser Idee wachsen. Kein Grund, beides zu verurteilen. Hören wir also auf, Größe als Indikator für irgendetwas zu betrachten.

Meine Service-Stars 2013 sind der Vorstandsvorsitzende eines Verkehrsunternehmens mit 300.000 Mitarbeitern, der auch mal geschädigte Kunden persönlich anruft und um Entschuldigung für Fehler bittet – und unser kleines Lieblingsrestaurant, wo der Chef noch selber kocht.

Update 20.1.2014: Eine interessante Statistik zum Thema liefert uns das Edelman-Trust-Barometer: Hier und hier.

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