Der Fluch des Öls – wie Shell aus seinen Fehlern nicht lernt

Mit einer ungewöhnlichen Guerilla-Aktion sprengten Umweltaktivisten jetzt eine PR-Aktion des Ölkonzerns Shell. Im Auftrag des Öl-Multis hatte die Agentur Burson-Marsteller zum „Science Slam“ ins hippe Berliner Tempodrom eingeladen. Dort sollten Jungwissenschaftler in zehnminüten Kurzvorträgen ihre Ideen für eine bessere Zukunft vorstellen.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung sang ein Rapper mahnend vom schwarzen Blut der Erde – Kritik an Shells Ölbohrungen im Niger-Delta und in der Arktis. Auch die ersten Wissenschaftsbeiträge gingen mit dem Konzern hart ins Gericht und auf Shells Rolle beim Klimawandel ein: Ein Student zeigte Bilder von Skifahrern in einer Wüste.

Was die Veranstalter nicht wussten: Unter dem Pseudonym „Paul von Ribbeck“ hatte sich auch der Umweltaktivist Jean Peters von @pengBerlin für den Science Slam qualifiziert. Der wollte angeblich ein Projekt vorstellen, mit dem Autos CO2 rückgewinnen könnten. Als Peters alias von Ribbeck seine Maschine auf die Bühne rollte und in Aktion setzte, begann diese laut zu rattern. Peters tat so, als sei das Gerät außer Kontrolle. Er öffnete den Deckel – und heraus spritze eine Ölfontäne, die sich ins Publikum ergoss. Mit Lebensmittelfarbe gefärbtes Wasser.

Schließlich zog Peters den Stecker seiner Anlage und mahnte: „Hier kann man den Stecker ziehen, in der Arktis nicht“.

Unruhe brach im Publikum aus, einzelne Teilnehmer des Science Slam verteidigten Shell, andere forderten, man solle den Konzern zerschlagen. Einig war sich das Publikum indess, dass Peters den besten Auftritt des Abends geliefert hatte. Das sahen Shell und Moderator Markus Kavka anders und brachen die Veranstaltung entnervt ab. Offensichtlich zu viel Kritik aus Sicht des Ölkonzerns und obendrein hässliche Bilder, die am nächsten Tag in zahlreichen Medien zu sehen waren.

Für dieses Blog gab Aktivist Jean Peters von @pengBerlin ein Interview zu seinem Auftritt:

1. Ist Shell nach der Aktion an Sie herangetreten, um einen ernsthaften Dialog mit Ihnen zu führen oder ist das Management noch beleidigt? Wären Sie überhaupt zu Gesprächen bereit?

Mein Angebot, das ich auf der Bühne noch an Shell richtete, ist völlig ernst gemeint: Das Unternehmen kann mich sehr gerne für ein Consulting buchen. Ich werde einen seriösen, wissenschaftlich wasserdichten Bericht schreiben und politische Maßnahmen vorschlagen, die ihnen das Übernehmen echter Verantwortung ermöglichen. Denn es gibt viel aufzuräumen.

Bis jetzt ist Shell allerdings leider nicht an mich herangetreten. Im Gegenteil: Deren Moderator Markus Kavka hatte vorgeschlagen, mich aus dem Voting des Science Slams auszuschließen. Als das Publikum dagegen stimmte, wurde die Veranstaltung abgebrochen – und nicht, weil es nicht möglich gewesen wäre, weiter zu machen. Aber das ist auch die Linie der PR-Agentur Burson-Marsteller. Die organisieren Fake-Demos und tun alles um das Bild ihrer Kunden zu fälschen. Auch hier beim Science Slam.

Im vorhinein sagte einer der Juroren auch „wenn das expertisenhafter klingt, sag doch: ich komm von Policult.“ Es geht ums Fälschen. Das ist ganz so wie bei der Satireaktion www.democready.com – nur dass es Realsatire ist. Bitterernste.

Bei PR-Agenturen muss man auch immer aufpassen, wieviel „Dialog“ inszeniert ist und was ernst gemeint ist. Das ist immer ein feiner Grat. Der Reality-Check ist dann das Handeln des ganzen Unternehmens – nicht nur das der Kommunikationsabteilung.

Und auch alle anderen sind herzlich eingeladen zu diskutieren. Vielleicht sollten wir eine Podiumsdiskussion mit Burson-Marsteller und Shell veranstalten, auf der das alles noch mal gut diskutiert wird.

2. Shell ist immer wieder Ziel von Guerilla-Aktionen. Auch Greenpeace protestierte bereits mehrmals öffentlichkeitswirksam gegen die Shell-Pläne in der Arktis. Welchen Rat geben Sie Shell für den Dialog mit seinen Kritikern?

Die sollten mal Arsch in der Hose haben. Shell ist der weltweit umsatzstärkste Konzern und investiert trotzdem nicht in wirklich verantwortliche Maßnahmen. Sie brauchen einfach einen Reality-Check. Wenn Sie ihren Ruf retten wollen, sollten sie der Welt zeigen, dass sie tatsächlich auch Investitionen tätigen, die nicht auf einen Mehrwert zielen. Dass sie einfach mal handeln, weil es notwendig ist so zu handeln. Die Liste ist lang, aber dafür sollte deren Budget locker reichen. Und nicht zuletzt: Sie würden Geschichte schreiben. Das erste globale Unternehmen, das etwas tut, einfach weil es richtig und gut ist.

3. Noch eine persönliche Frage: Kann man davon leben, Umweltaktivist zu sein? Ist das ein Berufsbild mit Zukunft?

Wir sind für die Aktionen auf Spenden und Unterstützung angewiesen, klar. Nicht zuletzt für die Anwälte, da wird sicher noch eine Menge kommen. Ich habe dem Tempodrom, der Veranstaltungshalle, angeboten Kosten für Schäden zu übernehmen, falls etwas kaputt gegangen ist. Es geht ja um Shell und nicht um die Menschen und Firmen, die vor Ort waren. Bis jetzt hat das Tempodrom aber noch keine Stellung genommen und mir auch keine Rechnung geschickt. Sie haben nur angedeutet, das da noch was kommen könnte. Mal sehen.

Aber unser persönliches Gehalt beziehen wir alle über andere Jobs und Aufträge. Und unser Modell ist langfristig so angelegt, dass wir solche Aktionen oder Unterstützung für andere Gruppen kostenlos machen können, indem wir von größeren Organisationen, die politisch mit uns übereinstimmen, Aufträge annehmen und das Geld umverteilen. Allerdings ist auch da klar: wir arbeiten nie für einen Folgeauftrag. Das heißt: Wenn jemand auf uns zukommt, dann immer nur, weil wir so arbeiten wie wir arbeiten. Mit Rückgrat und Witz, und ohne am Ende doch auf Kuschelkurs umzulenken.

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